Heilsbringer auf der Psycho-Couch

Susan MacLean als Kundry in Herheims „Parsifal“-Deutung

Bayreuth - Parsifal, der Heilsbringer, ist ständig präsent. Nicht nur in den Köpfen der Ritter-Gesellschaft, die am Gral leidet und den Erlöser erhofft. Von Klaus Ackermann

Auch auf der Bühne als Knabe wie als Jüngling in Richard Wagners Weihfestspiel, dessen zahlreiche Rückblenden und Rituale der Norweger Stefan Herheim in einer Bilderflut kompensiert, die zur dritten Wiederaufnahme bei den Bayreuther Festspielen einmal mehr in Bann schlug.

Neu ist hier der Titelheld, den Simon O’Neill mit heller Tenorstimme singt und verkörpert. Ein Garant für abendfüllende Spannung zudem Dirigent Daniele Gatti, der schon im Vorspiel mit dem auf seine Tempi geeichten Festspielorchester die musikalische Endlosschleife aus Motiven und ihrer dramatischen Verknüpfung zu beleben versteht. Gatti wurde ebenso heftig gefeiert wie Kwangchul Youn als Gurnemanz, ein makelloser, auch als Chronist intensiv empfindender Bass, der die Geschichte immer wieder vorantreibt.

Herheim setzt Wagners „Parsifal“ auf die Psychocouch, wie er Gral-Mythos und deutsche Geschichte verbindet – mit der fatalen Quintessenz: Auch am deutschen Wesen können Erlöser und Erlöste nicht genesen. Alptraumartig erlebt das Kind Parsifal in Wagners Villa Wahnfried den Tod der Mutter, die so viel Ähnlichkeit hat mit der Verführerin Kundry. Fortan rückt ein großes Bett in den Mittelpunkt der wilhelminischen Lehranstalt mit den zu Arzt und Priester mutierten Gralsrittern (Arnold Bezuyen, Friedemann Röhlig), in dem verführt, geliebt und sogar ein Heiland geboren wird.

Schwer haben alle an den Flügeln des Reichsadlers zu tragen. Wie Amfortas an seiner Dornenkrone, der das Keuschheitsgebot der Ritter brach, von Kundry verführt, den heiligen Speer an den teuflischen Klingsor verlor und den fortan eine offene Wunde plagt, die nur schließen kann, wer den Speer zurückbringt. Detlev Roths selbst im Leid noch aufbegehrender Bass wirkt da nahezu charismatisch.

Noch ist sein Retter ein wilder Knabe, der vom Balkon auf den Schwan zielt, und sein knabenhaftes Alter ego trifft. Wenn Amfortas den Gral enthüllt, erhalten Soldaten das Abendmahl, die in den Ersten Weltkrieg ziehen. Konsequent wechselt Klingsors Zaubergarten zwischen Lazarett und Bordell. Hier räumt Parsifal erst einmal kräftig ab, wie er den heftigen Avancen der Kundry als Marlene-Dietrich-Typ widersteht. Susan McLean spielt mit girrendem und gellendem Sopran ihre Verführungskünste aus, anrührend als geschundene Büßerin. Allein Klingsor hat Macht über sie. Thomas Jesatkos, der als Transvestit denunzierte gefallene Ritter, wirkt mit geschmeidigem Bass jetzt noch agiler, wirft den Speer auf Parsifal, der ihn mühelos auffängt und die braunen Horden in Wagners Villa einfach wegbombt. Der Neuseeländer O’Neill ist auch stimmlich ein Haudrauf, wandelt sich aber eindringlich zum wissenden Retter, bei final ein wenig bräsig wirkendem Tenor.

Nach dem Adler mit Hakenkreuz liegt Wahnfried in Schutt und Asche, zu den zarten Holzbläser-Passagen auf fein gewebtem Streichergrund des „Karfreitagszaubers“ erklimmen Trümmerfrauen die Bühne. Nach wie vor etwas zwanghaft wirkt die Verbindung deutscher Nachkriegsgeschichte mit dem Mythos, wenn im Reichstag der Bundesadler zum heiligen Gral wird, der zu „Höchsten Heiles Wunder“ des stimmlich fein ausgewogenen „Abgeordneten“-Chors wie eine Seifenblase vom Himmel herabschwebt.

Quelle: op-online.de

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