Heimat und Lebensgefühl

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Der „Kraunhof“, 1983 in Öl gemalt von Hans Schmandt.

Seligenstadt - „Ein gutes Stück Kulturgeschichte ist hier zu sehen“, sagt Leiter Achim Zöller zur Retrospektive der Kulturpreisträger „Bildende Kunst“ des Kreises Offenbach im „Regio-Museum“. Von Reinhold Gries

Die Arbeiten reichen von 1947 bis heute, die Preisträger-Namen sind schon beinahe Legende. Der heute 88-jährige Dietzenbacher Karl Heinz Wagner erhielt den ersten Kulturpreis 1978, der gleich alte Dreieichenhainer Universalkünstler Karl Heinz Diekmann mit seiner Ehefrau, der Textilkünstlerin Christel Diekmann, den folgenden 1980. Das Ehepaar Ello und Kurt Haas aus Langen teilte sich 1983 den Preis mit Altmeister Hans Schmandt, später folgten die beiden 1948 geborenen Georg Hüter (1987) und Ursula Zepter (2011).

Ello Haas’ kalligraphische Studie.

„Zusammenhang zwischen Gehirn und Händen wiederentdecken!“ lautete die imperative OP-Schlagzeile 1980. Diese nahm das Ehepaar Diekmann, um daraus eine filigran gewebte „Web-Installation“ zu entwickeln. Mit dem Internet hat das ebenso wenig zu tun wie Christel Diekmanns neue Web-Collage „Wortgeflecht“ mit laminierten Zitaten aus aktuellen Schlagzeilen. Ihr Mann liefert ihr dazu die Zeichen-Entwürfe. Seine klassisch-expressiven Holzschnitte zu den Jahreszeiten, seine „Küchenbretter“-Druckserie, sein „Totentanz“-Holzschnitt oder Naturzeichnungen zum Bannforst Dreieich sind heimatverbunden wie hochkarätig.

Auch der aus dem Erzgebirge stammende Karl Heinz Wagner ist von seiner neuen Heimat aus aktiv. Seine Kunst vereint problemlos abstrakte Figuration wie in der Malserie „Am Golf“ mit sehr formklaren Porträts oder Landschaften. Daneben überrascht er mit fein geschichteten Tableaus wie „Von Cranach bis heute“, deren in Walzentechnik gesetzten Offset-Farbfugen viel Konsequenz und Formsicherheit verlangen.

Sein aus Gießen gekommener Dietzenbacher Kollege Hans Schmandt (1920-1993) ist nur noch in Werken anwesend. Er malte bis ins Alter gern realistische, heimatliche Motive. Seine Holzschnitte, seine Sujets zur Mühlheimer Altstadt, oberhessischen Bauernhäuser oder altmeisterlich gemalte Eichen können sich ebenso sehen lassen wie die filigran gezeichnete Kirchenchronik.

Am Puls der Zeitung: Christel Diekmanns gewebtes „Wortgeflecht“ bezieht sich auf Schlagzeilen der Offenbach-Post. - Fotos:

„Altmeister“ war auch der mit 84 Jahren verstorbene Langener Künstler Kurt Haas, der sich auch durch Wandbilder im Kreis und beim Wiederaufbau von Frankfurts Alter Oper verdient machte. Seine Ehefrau Ello trat mehr als Textilgestalterin hervor. Betrachtet man gemeinsame Projekte wie ein Wandteppich-Stillleben oder kalligraphische und Tapetenentwürfe mit Frankfurter Motiven, erkennt man künstlerische wie menschliche Harmonie.

Der Sprung ins Jetzt gelingt ebenfalls mit Motiven aus der Region, die BOK-Künstlerin Ursula Zepter aus Obertshausen in völlig neue Dimensionen geführt hat. Wie sie, ausgehend von eigenen Fotos, Zeichnungen und Gemälden, Versatzstücke des „Main-Town-Feelings“ in spannende Digital-Collagen wie bei „OF-Down-Town“ verwandelt, trifft heutiges Lebensgefühl ebenso wie provokativ-ironische „Weibs-Bilder“, die Zepter mit einschlägigen Boulevard-Blatt-Seiten kreuzt. An der Offenbacher HfG war der Seligenstädter Bildhauer Georg Hüter ebenso Dozent wie an der Bildhauerschule Aschaffenburg. Wie er bei Basalt-Stelen ausgeschnittene und polierte schwarze Binnenformen mit natürlich gewachsener Außenhaut kontrastieren lässt, zielt auf Ewigkeit ab.

„Kulturpreisträger des Kreises Offenbach“ bis 31. Dezember im Regio-Museum Seligenstadt. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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