Heimgesucht von alter Dame

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Claire Zachanassian (Ulrike Lodwig) kann warten, bis ihr unmoralisches Angebot an die Bürger Güllens unwiderstehlich wird...

Offenbach - Wie alt dieses Stück ist, kann man daran erkennen, dass eine Milliarde noch viel Geld war. Doch selbst heute würde sie reichen, Offenbach schuldenfrei zu machen und 400 Millionen übrig zu behalten. Von Markus Terharn

So besitzt Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ von 1956 aktuellen Reiz. Die erste Saison der Capitol-Reihe „Theater-Essenz“ hat das Theater für Niedersachsen mit einem gut besuchten, bejuchzten Gastspiel beendet. Offenbach-Bezüge stellt die Truppe aus Hildesheim und Hannover nicht her. Regisseurin Petra Wüllenweber gelingt aber eine frische, moderne Version des oft gegebenen, mehrfach verfilmten Stoffs. Die zweieinhalb Stunden sind keine Sekunde zu lang.

An der Handlung hat sie nichts geändert. Für die wirtschaftlich aus dem Lot geratene Stadt Güllen hat Ulrike Melnik eine zerklüftete Bühne mit Assoziationen an Industrieruinen gebaut. Die Perspektivlosigkeit der Bewohner spiegeln Melniks mausgraue Kostüme. Einziger Hoffnungsschimmer ist die erwartete Ankunft der zu sagenhaftem Reichtum gelangten Claire Zachanassian, die in ihrer alten Heimat neuen Wohlstand bewirken soll.

Tatsächlich trifft die verlorene Tochter ein, befremdet indes mit maskenhaftem Äußeren, schwarzem Humor und finsteren Anspielungen. Die Honoratioren schicken den angesehenen Kaufmann Alfred Ill vor, der ein Verhältnis mit ihr hatte; leider kein gutes: Er hat sie geschwängert und mit Hilfe bestochener Zeugen aus der Stadt vertrieben. Nun will sie „Gerechtigkeit kaufen“ – eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet!

Wie das Gift der Gier die braven Bürger befällt, wie ihre Entrüstung schwindet und der Schwerenöter von einst in eine mörderische Zwickmühle gerät: Das hat der Dramatiker Dürrenmatt dialogisch und szenisch erbarmungslos zugespitzt bis zum bitterbösen Ende. Und das hat Wüllenweber mit ihrem treffsicher besetzten, auf gleicher Höhe agierenden Ensemble ganz stark interpretiert.

Zunächst beherrscht die verletzte Rächerin den Ort, Ulrike Lodwig mit Eiseskälte in der Stimme. Sie begleiten Jens Koch als bedrohlicher Butler Boby sowie Norbert Schmitt und Moritz Nikolaus Koch als blinde Eunuchen Koby und Loby, die ein Lachen erregen, das im Hals steckenbleibt. Auf der Gegenseite bewegt Gotthard Hauschild als verzweifelter, in die Enge getriebener Ill.

Doch nach der Pause erweist sich das Kollektiv als Hauptdarsteller. Als hieße das Werk „Die von der alten Dame Besuchten“, liefert es tolle Typen ab. In zunehmend papageienbunter Kleidung ist Rüdiger Hellmann ein skrupelloser Bürgermeister, Philip Richert ein bigotter Pfarrer, Christoph Götz ein affiger Polizist und ein tumber Bauer, Dieter Wahlbuhl ein moralisierender Lehrer. Als Ills Frau und Tochter wechseln Michaela Allendorf und Heidrun Reinhardt rasch die Seiten. Das Ganze kommentiert Katharina Wilberg als TV-Tussi.

Der Umschwung ist auch musikalisch hörbar. Mit Abba fordern die Güllener „Money, Money, Money“, jubeln dann „The Winner Takes It All“ und erleben zuletzt ihr „Waterloo“...

Quelle: op-online.de

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