„Die Nibelungen“ in Hayner Burg

Heiterer Blick aufs blutige Geschehen

+
Mit wenigen Requisiten, aber umso mehr Spielfreude gehen die Schauspieler zu Werke.

Dreieichenhain - Es gehörte schon Mut dazu, sich nach Gewitter und Regengüssen in die Hayner Burg zu wagen. Auch wenn der schwarze Himmel für die finstere Geschichte von den Nibelungen genau die richtige Atmosphäre zu schaffen schien.  Von Eva Schumann 

Das N. N. Theater Neue Volksbühne Köln allerdings machte schnell klar, dass man das blutrünstige Geschehen um Goldgier, Machtkampf und Verrat, um Betrug, Mord und Rache absolut heiter darstellen kann. Mit überwältigendem Einfallsreichtum nahmen die Kölner das ehrwürdige Epos auf die Schippe.

Man staunt, wie das Team unter der Regie George Esherwoods die meisten Motive der Sage und des Nibelungenlieds mit einfachsten Mitteln in knapp zwei Stunden unterbringt. Vom prophetischen Traum der burgundischen Prinzessin Kriemhild bis zum Zickenkrieg der Königinnen, von Siegfrieds Jugend bis zu seiner Ermordung, von König Gunthers trickreichem Wettkampf mit Brünhilde bis zu seiner unglücklichen Brautnacht, von Kriegszügen bis zu Schiffsreisen war alles drin. Selbst der zweite Teil des Nibelungenlieds wurde mit einbezogen, der mit Etzels rauchendem Palast und Kriemhilds blutiger Rache an ihren Brüdern endet.

Voraussetzung ist die unwahrscheinliche Verwandlungsfähigkeit des Ensembles. Denn auf der Bühne, die dank Heiko Thurm mit einem Gerüst hinter Vorhängen auskommt, agieren Prinzipalin Ute Kossmann, Irene Schwarz, Didi Jünemann, Tom Simon und Ozan Akhan unten oder oben in den verschiedensten Rollen.

Beachtliches Aufgebot

Und das ist ein beachtliches Aufgebot. Neben König Gunther und seinen Brüdern Gernot und Giselher, ihrer Schwester Kriemhild und der stets von Unheil munkelnden Mutter Ute, neben dem missmutigen Hagen, dem Recken Siegfried, seinen Eltern Siegmund und Sieglinde, dem kraftprotzenden Ekel Brünhild und dem Hunnenkönig Etzel fehlen weder feindliche Sachsen, noch Mönche für die Doppelhochzeit, noch Köche und andere dienstbare Geister. Er wird disputiert, geturnt, getanzt und gekämpft, was das Zeug hält. Prägnante Hilfsmittel zur Illusion sind Holzstöcke, die mal als Schwerter, mal als Ruder, als Webstuhl oder als Treppe und schließlich als Bahre dienen. Man glaubt ihnen sogar, dass sie den Odenwald darstellen.

Pfiffige Tricks und einfachste Requisiten rufen eine Lachsalve nach der andern und spontane Bravos hervor, etwa wenn Siegfried den aus zwei Schauspielern bestehenden Drachen in Stücke schlägt, oder wenn ihn Hagens Speer zweiteilig durchbohrt. Als verhängnisvolle Quelle wird ihm von oben aus einem Gießkännchen Wasser zugegossen. Wenn er dem prahlerischen Schwächling Gunther beim berühmten Dreikampf zum Sieg über die Walküre verhilft, genügt ihm für die Unsichtbarkeit eine mit Zipfeln bestückte Mütze als Tarnkappe.

Umdeutung der Überlieferung

Die Gags wirken nie albern - sie taugen zum Charakter eines Volkstheaters, eines durchaus raffinierten. Dazu gehört auch die eine oder andere eigenwillige Umdeutung der Überlieferung; so hat sich Siegfried seine verwundbare Stelle nicht durch ein Lindenblatt, sondern ein gemeinsames Bad mit einer Frau im Drachenblut zugezogen. Hagen darf sich nicht so grimmig geben, wie man ihn sich vorstellt, sondern ist ein eher komischer Finanzminister, und Kriemhild wird nicht erschlagen, sondern entleibt sich selbst. Das ist sinnvoll - sonst hätte es noch mehr Recken gebraucht.

Geschickt wird die Vorgeschichte Siegfrieds als Komödie dreier fahrender Gaukler eingebaut. Gewürzt wird das Ganze durch politische Anspielungen und anachronistische, aber passende Musikzitate, wofür Bernd Kaftan zuständig ist. Die Schauspieler sind auch im Singen und Instrumentenspiel gefordert. Von einem kurzen Guss abgesehen, blieb das Wetterglück hold, und die fantastischen Akteure wurden mit Schlussbeifall überschüttet.

Quelle: op-online.de

Kommentare