Held auf der Psycho-Couch

Ein Norweger zeigt’s dem Neudeutschen: Auch in seinem zweiten Jahr jagt Stefan Herheim mit seiner „Parsifal“-Inszenierung am Grünen Hügel Gänsehaut ein, deren Bilderflut und historischer Unterbau gleichermaßen faszinieren wie abstoßen. Von Klaus Ackermann

Von Anbeginn sitzt der „tumbe Tor“ auf Sigmund Freuds Psycho-Couch, so permanent analysiert, wie der deutsche Adler gründlich zerrupft wird. Leider mutet die Musik in den Händen von Daniele Gatti nur noch wie ein Soundtrack an, in quälender Langsamkeit vorgeführt. Dagegen sangen vor allem Titelheld Christopher Ventris und der mit viel Text gesegnete Gurnemanz des Kwangchul Youn an.

Die tiefenpsychologische Spurensuche beginnt schon, wenn das Vorspiel gerade mal ein paar Takte alt ist und in der Wagners Wahnfried nachempfundenen Gründerzeit-Villa das Kind Parsifal den Tod seiner Mutter miterleben muss, wobei eine inzestuöse Verbindung nicht ganz ausgeschlossen ist. Zumal die sterbende Frau der großen Verführerin Kundry nicht unähnlich ist.

Fortan rückt das große Bett in den Mittelpunkt – auch in jener wilhelminischen Kadettenanstalt, in der die Gralsritter (Arnold Bezuyen, Friedemann Röhlig) samt Gurnemanz mit riesigen Flügeln des Reichsadlers für Ordnung sorgen, die sich angelegentlich zur Säulenhalle der Uraufführung von 1882 weitet. Geburt und Tod, Lust und Leid – auch Amfortas bevorzugt die Matratze, dessen Rotschopf Christi Dornenkrone ziert. Wieder die typisch Wagnersche Rückblende, von Bassist Youn in intensiver Klangsprache erzählt. Vom Gralsritter Amfortas, der, verführt von Kundry, sein Keuschheitsgelübde brach, den heiligen Speer an den üblen Burschen Klingsor verlor und den fortan eine offene Wunde quält.

Seine Geburt wie ein Ritual, ist Parsifal samt Schaukelpferd präsent. Wenn er als Jüngling vom Balkon der Villa auf den Schwan zielt, trifft er sein Alter ego, den Knaben – und beerdigt seine Kindheit. Wenn Amfortas widerstrebend den Gral enthüllt, erhalten Soldaten das Abendmahl, die in den Ersten Weltkrieg ziehen. Klingsors Zaubergarten changiert zwischen Lazarett und Bordell, in dem sich Parsifal der mäßig erotischen Anmache von Blumenmädchen und Krankenschwestern erwehren kann.

Auch Kundry, wie Marlene Dietrich als Lola Lola auftretend, schafft es trotz langwieriger Attacken nicht, Parsifal ins Bett zu zerren. Wacker schlägt sich Mihoko Fujimuras warmherziger Sopran, in der Höhe angelegentlich scharf aufbegehrend. Hin und her gezerrt zwischen Gralsburg und Zaubergarten, ist sie eher stille Dulderin. Auf den resistenten Jüngling hat sie ihr Zuhälter Klingsor gehetzt: Thomas Jesatko, in Frack mit Strapsen, macht auch gesanglich auf mittlerer Bass-Flamme keine besonders gute Figur.

Den Speer, der Amfortas Wunde schließt, hat sich der junge Held also verdient. Während Hakenkreuzfahnen vom Bühnenhimmel fallen und ein SA-Tross aufmarschiert, schleudert Klingsor die Vielzweckwaffe gen Parsifal, zunächst abgefangen von dessen unvermeidlicher Knaben-Erscheinung in Nazi-Uniform. Diese Art Bayreuther Vergangenheitsbewältigung geht ganz schön an die Nieren. Immerhin verschwindet der braune Spuk im Feuersturm. Historisches auch im Final-Akt – Stunde Null am Grünen Hügel mit seinen bizarren Ruinen. Wahnfried ist zerbombt, Trümmerfrauen erklimmen beim mild tönenden Karfreitagszauber die Szene, die sich in den Bundestag verwandelt, vor dem der durch Parsifals Speer geheilte Amfortas (Detlev Roth mit fein timbriertem Bariton) der wie aus einer anderen Welt stammenden Ritter-Lichtgestalt das Präsidium anträgt. Christopher Ventris gibt Parsifal im szenischen Überangebot stimmlich seine Würde zurück, ein Wagner-Tenor mit stabiler Höhe und natürlichem Ausdruck. Wie der Festspielchor (Eberhard Friedrich) wohltemperiert die sakrale Sphäre wahrt.

Wenn der Bundesadler zum Gral wird, vor den sich eine gläserne Weltkugel schiebt, die zur instabilen Seifenblase verkommt, entdeckt auch der Italiener Gatti seine Melodiker-Qualitäten, die elegischen Tempi klanglich dynamisch unterfütternd. Da kann sich das Bayreuther Publikum in einem mächtigen Hintergrund-Spiegel wieder erkennen. So weiß man doch endlich, für wen das alles gemacht wurde ...

Quelle: op-online.de

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