„Warten auf Godot“: Herbst der Alt-68er

Offenbach - „Landstraße. Ein Baum. Abend. “ Mit der apodiktischen Regieanweisung zu seinem Welterfolg ,,Warten auf Godot“ hat Samuel Beckett das Theater festgelegt wie kaum je ein anderer. Von Stefan Michalzik

Generationen von Regisseuren und Ausstattern haben sich seit der Uraufführung 1953 in Paris in Auslotungen mannigfachster Art mit diesem allüberagenden Klassiker des modernen Theaters beschäftigt.

Der Kasseler Intendant Thomas Bockelmann, dessen Inszenierung in der Reihe Theateressenz im Offenbacher Capitol gastierte, hat zusammen mit Bühnenbildner Daniel Roskamp die Szenerie in einer Winterzeit der fünfziger Jahre angesiedelt – mithin in der Dekade der Uraufführung. Eine in der Nachkriegsepoche besonders in westdeutschen Parkanlagen vielfach aufgestellte Straßenlaterne ist das unzweifelhafte Zeichen für diese Ära.

„Schauspielerhaft“ nach alter Manier

Schnee knirscht unter den Schritten, derweil die Kleidung (Kostüme: Wiebke Meier) der beiden von Jürgen Wink und Uwe Steinbruch „schauspielerhaft“ nach alter Manier verkörperten Protagonisten Wladimir und Estragon eher Rückschlüsse auf den Herbst als auf die kalte Jahreszeit zulässt. Mit dem Baum verhält es sich nicht minder paradox: Jung schon ist er abgestorben, noch umgeben vom bei Neuanpflanzungen gebräuchlichen Stützgerüst.

Die ersten Töne, kaum wahrnehmbar leise gehaucht, kommen von dem mit seinem Basssaxofon seitlich postierten Musiker Dirk Raulf; der profilierte Jazzsolist, zeitweilig zur Kölner Saxofon Mafia gehörend, begleitet die Dialoge mal brummelnd, dann atmosphärebildend.

Wladimir und Estragon wirken von ihrem Habitus her wie Achtundsechziger im Rentenalter. Intellektuelle, die es zum Professorenstatus nicht gebracht haben und darum etwas abgerissen erscheinen, nicht aber wie „Landstreicher“ oder Clowns in jenem Sinne, in dem dieses unverbrüchlich miteinander verbundene Duo immer wieder rezeptionsgeschichtlich charakterisiert worden ist.

Inszenierung bis zu einem gewissen Maße durchaus unorthodox

Insoweit ist die vor etwas mehr als Jahresfrist zur Premiere gebrachte Inszenierung bis zu einem gewissen Maße durchaus unorthodox -– letztlich indessen ist der Gesamteindruck der eines Beckett von „klassischem“ Zuschnitt. Pozzo und Lucky, das andere Paar des Stücks, tritt in Gestalt von Reinhart Firchow und Thomas Sprekelsen als bilderbuchhaftes Herr-Knecht-Gespann samt der von Beckett hervorgehobenen Umkehrung des Abhängigkeitsverhältnisses in Erscheinung.

Im Programmheft haben Thomas Bockelmann und sein Dramaturg Michael Volk einen Text des französischen Theaterhistorikers Pierre Temkin abdrucken lassen. Nach dessen vor drei Jahren in dem von ihm herausgegebenen Band „Warten auf Godot - Das Absurde und die Geschichte“ dargelegter Hypothese sind in dem als rätselhaft geltenden Stück Belege für eine jüdische Herkunft Wladimir und Estragons zu finden. Obschon die Theorie manches für sich haben mag, ändert sie nichts daran, dass Beckett offenkundig auf die Existenz schlechthin – auf den Zustand des Wartens im Zeichen der Vergänglichkeit und nicht auf die ominöse Nichterscheinung der Godot-Figur – abgezielt hat.

Thomas Bockelmann meidet denn auch eine unangebrachte Verengung des Blickwinkels. Es ist eine theaterhandwerklich saubere Arbeit, die er vorgelegt hat, nicht das Dokument eines signifikant neuen Blicks auf den Stoff - und somit ein Stück Theaterroutine.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Pixelio.de/Gabi Schönemann

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