Herr der Ratten

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Klaus Florian Vogt und Annette Dasch setzen Akzente.

Bayreuth - Auf hell erleuchteter Bühne mit Bullaugen-Mauern kann der Titelheld zwar Wände bewegen, aber die Tür geht erst auf, als Lohengrin ihr den Rücken kehrt. Von Klaus Ackermann

Schon zum Vorspiel also eine Prüfung für den großen Retter in Richard Wagner s romantischer Märchenoper, die starke Gefühle wie in einem Laboratorium seziert, was allseits Beschädigte hinterlässt.

Tönen die oszillierenden Streicherklänge, deren Schichten Dirigent Andris Nelsons eingangs in aller Ruhe erkundet, klinisch rein, so häuten sich in Hans Neuenfels’ Versuchsreihe wieder Ratten zu Menschen, je mehr sich die Helden in Lug und Trug verfangen. In einer Inszenierung, die im zweiten Jahr noch kompakter und lebendiger wirkt, eine Art Revue bizarrer Einfälle des Regie-Altmeisters, der etliche Buhs einstecken muss. Dafür wird Titelheld Klaus Florian Vogt umso intensiver gefeiert, Ovationen wie sie auch der trotz aller Maskenspiele und Verkleidungskünste dynamisch biegsame und dramatisch schlagkräftige Festspielchor einheimst.

Es sind keineswegs eklige Nager, eher possierliche Tierchen, in die Neuenfels’ unbändige Fantasie das Gefolge des leidlich siech wirkenden König Heinrich gesteckt hat, dem Georg Zeppenfeld (einer der drei Neubesetzungen) einen kraftvollen, keinen Widerspruch duldenden Bass entgegensetzt. Assistiert vom stimmlich rollengemäß auftrumpfenden Heerrufer Samuel Youn.

Der den Gralsritter transportierende Schwan kommt wieder in einem Sarg aus dem Off. Und wenn das Gottesurteil im Zweikampf zwischen Lohengrin und dem die leiderprobte Elsa denunzierenden Friedrich von Telramund vollzogen wird, balgen sich Ratten auf einer Film-Leinwand. Während am noch glücklichen Aktschluss, auf den das Drehmoment-freudige und über eine großartige Blechbläser-Phalanx verfügende Orchester mit Macht hinarbeitet, ein gerupfter Schwan vom Bühnenhimmel fällt.

A-Capella-Quintett eine mittlere Katastrophe

Schwer zu knabbern an ihrem Geschick hat das teuflische, auf Elsas Krone erpichte Paar, bei dem jetzt Bariton Tómas Tómasson seiner Ortrud (ebenfalls neu: Petra Lang) auch stimmlich intensiv die Leviten liest, ihr jedoch prompt wieder verfällt. Die setzt ihren fülligen Mezzo nicht nur liebedienerisch ein, um Elsa von ihrem Ritter-Retter zu entzweien, sondern hat final ein paar sportliche Spitzentöne parat, für die ihr eine Goldmedaille geziemt.

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Wird das A-Capella-Quintett intonatorisch wieder zur mittleren Katastrophe, so ist Neuenfels im steril wirkenden Schlafgemach der Liebenden in seinem Element. Ein erregendes Anziehen und Abweisen zu Wagners fein psychologisierender Musik. Eine Liebe, die scheitern muss, weil Elsa die Prämisse „Nie sollst Du mich befragen“ nicht einhalten wird. Annette Daschs Sopran ist prädestiniert für leise, aber tief bewegende Töne. Und Vogt, dessen Lohengrin auch Selbstzweifel kennt, macht mit seinem so leicht sich emporschwingenden, immer natürlich wirkenden Tenor in der ausdrucksstarken Gralserzählung sein Meisterstück.

Am Ende steigt der von Ortrud verzauberte Elsa-Bruder Gottfried aus einem riesigen Schwanen-Ei, ein übergroßer Fötus, der sich eigenhändig die Nabelschnur entfernt und unters Volk wirft. Es sind Momente wie diese, mit denen Neuenfels sein Publikum auf ewig spaltet. Das schert ihn freilich kaum.

Quelle: op-online.de

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