Burgfestspiele in Dreieichenhain mit Deichsels „Tartüff“ nach Molière glanzvoll gestartet.

Herrlicher Heuchler

+
Nur ungern lässt sich Damiesche (Clemens Löhr), Sohn des Hauses Orgon, von dem scheinheiligen Schmarotzer Tartüff (Michael Quast) an der Nase herumführen ...

Es ist ein rechtes Sündenbabel, das meinen die Beteiligten selbst: „Ein jeder bab(b)elt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist!“ Das benennt eins der Pfunde dieser Premiere bei den Burgfestspielen Dreieichenhain. Mit „Der Tartüff“, Wolfgang Deichsels zum Schreien komischer hessischer Fassung des Molière-Klassikers, fühlt sich das Publikum blendend unterhalten.

Eifrige Theatergänger aus der Region kennen die Inszenierung vielleicht schon von den Burgfestspielen Bad Vilbel oder dem Frankfurt-Höchster Freiluftspektakel „Barock am Main“. Das tut dem Spaß aber keinen Abbruch: Die Regie von Sarah Groß wirkt frisch wie am ersten Tag, die Spielfreude der Mimen um einen toll aufgelegten Michael Quast ist ungebrochen.

Der Star in einem durchweg gut besetzten Ensemble begnügt sich nicht mit der Hauptrolle. Erstmals betritt er die Bühne in schwarzer Witwentracht an Krücken, gibt mit keifendem Organ eine zwerchfellerschütternde Alte. Auch Quasts Einführung des Titelcharakters ist aufsehenerregend: Als Flagellant peitscht er sich demonstrativ die bloßen Schultern blutig. Um seinen Wirtsleuten den frommen Christen vorzugaukeln, scheut der Tartüff keinen Schmerz.

Für die wehleidige Miene, die scheinheilige Geste ist Quast der ideale Darsteller. Was die anderen von Tartüff halten, ist zuvor hinreichend deutlich geworden: Alle finden ihn widerlich, nur der reiche Orgon ist hin und weg von ihm. Matthias Scheuring liefert die zweite Glanzleistung des Abends, seinem Gegenüber fast ebenbürtig: Wie er sich bemüht, in diesem Schmeichler und Verführer immer nur das Beste zu sehen, ist körpersprachlich eine Wucht.

Regisseurin Groß hat die Figuren bis an die Grenze der Karikatur entwickelt – was der deftige Text auch hergibt. Zum Erfolg tragen Ilse Träbings historisierende Kostüme ebenso bei wie die dick aufgetragene, das Clowneske berührende Maske von Katja Gieß. Wer befürchtet, Kalkweiß und Wangenrot würden die Mimik einschränken, sieht sich angenehm überrascht: Es scheint im Gegenteil, als enthemmte die Schminke die Akteure.

So geben alle dem Affen Zucker. Das gilt zunächst für ein starkes Damentrio. Anja Krüger als Orgons Frau Elmire hat ihre umwerfendste Szene, als sie den unter dem Tisch versteckten Gatten von Tartüffs lüsternen Absichten überzeugen will. Pirkko Cremer als Tochter Mariesche reagiert schön schnippisch, weil ihr Vater sie mit seinem Favoriten verheiraten möchte. Und Hildburg Schmidt ist als Dorche herrlich kratzbürstig und nicht auf den Mund gefallen.

Clemens Löhr ist als Damiesche ein hitzköpfiger Sohn des Hauses, allzeit bereit zum Konflikt mit seinem Erzeuger. Sebastian Klein gefällt als Mariesches feuriger Verehrer Walter. Philipp Hunscha hat als Schwager Clemens den eher undankbaren Part einer Stimme der Vernunft; die Personenführung trägt dieser Tatsache Rechnung, indem sie ihn gern abseits der sorgfältig aufgebauten Tableaus stellt. Dass Alexander J. Beck als Richter wie der Deus ex Machina die verfahrene Situation rettet, ist durch Gesang ironisch gebrochen.

Insgesamt passt die Übernahme perfekt ins Ambiente des Hayner Burggartens. Schade ist nur, dass Ilse Träbings Vorhangkulisse, die immerhin rasche Auf- und Abgänge ermöglicht, der Ruine einen Teil ihrer großartigen Wirkung raubt. MARKUS TERHARN

Weitere Vorstellungen heute und Montag, 20 Uhr, im Burggarten

Quelle: op-online.de

Kommentare