Über einen Idealisten, der nie erwachsen geworden ist

Heute vor 50 Jahren starb Walt Disney

Burbank - Er zauberte Märchen in die Welt, lehrte Mäusen und Enten das Sprechen: Walt Disney. 50 Jahre nach seinem Tod ist seine Film-Schmiede zum größten Unterhaltungskonzern überhaupt gewachsen. Aber: Ist das noch im Sinne des Zeichentrick-Königs? Von Johannes Schmitt-Tegge

Den zweiten seiner insgesamt 32 Oscars gewann Walt Disney mit einem achtminütigen Zeichentrickfilm: „Three Little Pigs“. Eine Geschichte über drei Schweinchen, die sich vor einem Wolf verstecken. Als ein Reporter den Filmproduzenten fragte, ob es aufgrund des Erfolgs eine Fortsetzung geben würde, trug dieser bald darauf einen Zettel bei sich. Darauf die mahnenden Worte: „Man kann Schweine nicht mit Schweinen toppen!“

Heute vor 50 Jahren starb Walt Disney. Mancher Fan mag sich da fragen, was der Micky-Maus-Erfinder und Gründer des Entenreichs vom heutigen Mega-Konzern halten würde. Wäre er stolz? Wäre er angeekelt? Was würde der Vater des modernen Märchens dazu sagen, dass die Disney-Tochter Pixar über „Cars 3“ und „Toy Story 4“ brütet und in der Filmreihe zu „Fluch der Karibik“ kommendes Jahr der fünfte Teil erscheinen soll? Die Schweine-Anekdote lässt vermuten, dass der Visionär lieber neue Geschichten erzählt hätte.

Papa mit Maus: Walt Disney posiert in seinem Freizeitpark in Kalifornien – von wann das Foto stammt, ist unbekannt. Der letzte Film, an dem das Genie selbst beteiligt war: „Das Dschungelbuch“ aus dem Jahr 1967. Er starb vor seiner Vollendung.

In fünf Jahrzehnten ohne seinen Gründer ist Disney zum größten Medienkonzern der Welt herangewachsen, der mit Blockbustern aus der „Star Wars“-Saga, aus der Welt der Marvel-Superhelden und animierten Hits wie „Frozen“ Milliardengewinne anhäuft. Besucher machen heute in Themen- und Vergnügungsparks in China, Japan und Hawaii tagelang Urlaub und lassen sich von Disney-Reiseagenten maßgeschneiderte Ferien buchen.

„Ich mache keine Filme, um Geld zu machen. Ich mache Geld, um Filme zu machen“, soll Disney gesagt haben. Schätzungen zufolge sahen allein in seinem Todesjahr 1966 rund 240 Millionen Menschen einen Disney-Film, 100 Millionen schauten pro Woche eine Disney-Sendung im Fernsehen, 80 Millionen lasen ein Disney-Buch und kauften Disney-Artikel, 50 Millionen hörten Disney-Musik, 150 Millionen schmökerten in Disney-Comics und sieben Millionen besuchten den Vergnügungspark Disneyland in Kalifornien. Gut möglich also, dass Disney mit dem Erfolg des börsennotierten Konzerns zufrieden gewesen wäre. Gemessen an den Plänen seines letzten Projekts allerdings, träumte Disney aber nicht nur von prall gefüllten Kinosälen und Achterbahnen: Mit Epcot, der „Experimental Prototype Community of Tomorrow“, wollte er im US-Südstaat Florida die Stadt von Morgen bauen. Denn urbane Probleme hielt er für die „große Herausforderung“.

Micky Mouse und Killerwale: Themenparks in Kalifornien

„Wir glauben, dass wir auf jungfräulichem Boden von vorn anfangen und eine besondere Art von Gemeinde aufbauen müssen“, sagte Disney in einem seiner letzten Auftritte vor der Kamera im Jahr 1966. Epcot sei der „aufregendste, fraglos wichtigste Teil unseres Florida-Projekts, tatsächlich das Herz von allem, was wir tun“. Er zeigte Pläne einer futuristischen Metropole, in der Familien befreit von Autoverkehr in klimakontrollierten Hallen leben und sich von Elektro-Shuttles befördern lassen. Heute lockt das zu Disney World gehörende Epcot durch Simulatoren und Fahrgeschäfte. Interaktive Spiele sollen den Forschergeist junger Besucher wecken, auch der Energiebedarf von Städten ist Thema. Doch neben dem für sein Dornröschen-Schloss bekannten Magic Kingdom ist Epcot heute nur noch eine Attraktion unter vielen. Die längsten Warteschlangen bilden sich vor beliebten Fahrgeschäften, weit entfernt von Utopie. Disneys wichtigster Wunsch also ist ein Märchen geblieben. Ein Durchbruch als Stadtplaner und Architekt zum Ende seiner Karriere blieb ihm verwehrt. Und sprechende Mäuse, Enten und Hunde konnte Disney mit seinem genialen Gespür für Unterhaltung sicher besser entwerfen als die Stadt des 21. Jahrhunderts. Aber vielleicht ist es besser, dass dieser Pionier die Altverwertung, dass er Sequels, Prequels, Spin-Offs und Remakes seines Konzerns nicht mehr erleben muss. (dpa)

Neuer Bildband zum Todestag des Märchen-Meisters: „Walt Disney Filmarchiv“, Taschen Verlag, 624 Seiten, ISBN: 978-3-836552899

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa/Bert Reisfeld

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