Hinaus in die große weite Welt

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Schneider Max Quick (Patrick Dollmann) und Wildschwein (Detlev Nyga).

Hanau - Rappende Riesen granteln in hessischem Gassenjargon, Prinzessin und Zofe wirbeln in bonbonfarbenen Fummeln über die Bühne und singen „Girls just want to have fun“, Schneiderlein und Gehilfe liefern sich mit dem wütenden Wildschwein eine Verfolgungsjagd in bester Slapstickmanier. Von Dieter Kögel

Geht das, ohne dem Märchen vom tapferen Schneiderlein aus der Grimmschen Sammlung zu nahe zu treten? Es geht! Autor und Regisseur Frank-Lorenz Engel beweist das mit seiner Version des Märchens, das nun bei den Brüder-Grimm-Festspielen im Hanauer Amphitheater angelaufen ist.

Engel hat sich im Wesentlichen an die originalen Handlungsfäden gehalten, bewahrt die Essenz, verleiht aber der Geschichte ansteckende Leichtigkeit, Tempo, Charme und viel Witz. Nicht zuletzt wegen der Spielfreude, die dem gesamten Ensemble während der turbulenten Inszenierung anzumerken ist, geht das Premierenpublikum nach lange anhaltendem Applaus mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause.

Schneider Max Quick (Patrick Dollmann) und der quirlige Lehrling Flick (Marius Schneider) haben die Sympathien sofort auf ihrer Seite. Doch mit dem Schneidern scheint´s vorbei zu sein. Max Quick ist pleite. Das Zaubermus der Muhme Margrit (Claudia Brunnert) allerdings gibt dem bis dahin eher zurückhaltenden Schneiderlein Mut und Selbstvertrauen. Der Aufbruch in die große weite Welt ist der Beginn eines Abenteuers.

Bilder von der Aufführung

„Das tapfere Schneiderlein“ bei den Märchenfestspielen

Dessen Stationen werden bildlich unterstrichen von der Vielseitigkeit des Bühnenbildes von Thomas von Wolffersdorff. Während die heimelige Schneiderwerkstatt wegdreht, erscheint bereits der dunkle Wald, in dem die beiden Riesen Frieda (Corinna Maria Lechler) und Fatz (Detlef Nyga) ihre köstlichen Dauerstreitereien austragen. Die Begegnung mit den beiden Menschen und das darauf folgende Kräftemessen wird für die tumben Giganten zum Desaster, und für Max Quick und Flick zur großen Chance bei Hofe.

Herrlich, wie dort der Erste Minister Hasso von Harras (Benedikt Selzner) den intriganten Kotzbrocken gibt und auf dem Thron bereits Audienzen einübt. Denn er wähnt sich schon als Ehemann der Prinzessin Annabelle (Catrin Omlohr) und somit als Herrscher des Reiches. Da kommen Max Quick & Co. denkbar ungelegen. Zumal sie wegen der siegreichen Begegnung mit den Riesen in der Gunst von König Siegbert (Helmut Potthoff) ganz oben stehen. Das halbe Reich und das versprochene Töchterlein müssen auf Schneider Quick indes noch warten, weil die böse Meriel (schön hinterhältig: Nadine Buchet) sich immer neue Prüfungen für den Schneider und seinen Gehilfen ausdenkt.

Mit Hilfe von Muhme Margrit sind die Prüfungen aber kein Problem. Das wütende Wildschwein mutiert vom Saulus zum Paulus, mit Zauberkräutern wird das gefährliche Einhorn zum Schmusetier, und König Siegbert kann endlich sein Versprechen einlösen. Überraschung für Schneider Max Quick: Die vermeintliche Zofe, in die er sich verliebt hat, entpuppt sich als Prinzessin. Denn Zofe Susanna (Natalie Ragi) und die Prinzessin hatten kurzerhand die Rollen getauscht.

Die Hanauer Festspiele dauern noch bis 15. Juli, Infos im Internet.

Aber im Grunde ist es egal, ob Schneider oder Prinz, ob Zofe oder Prinzessin. Man solle auf sein Herz hören, ein wenig Mut haben, sich selbst treu bleiben und ein bisschen darauf vertrauen, dass schon klappen wird, was man anpackt, heißt es im Schlusslied. Ein schönes und stimmiges Finale einer äußerst gelungenen Inszenierung, der besten der diesjährigen Hanauer Festspielzeit.

Quelle: op-online.de

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