Hinter Helden-Fassaden

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Stelldichein im Feuerzauber: Lance Ryan und Susan Bullock auf kreisförmiger Bühne der Frankfurter Oper.

Frankfurt - Bemalt wie ein Indianer beim Kriegstanz und mit Rheingold-Klunkern behangen, ist der zum Drachen mutierte Riese Fafner die einzig schräge Type im „Siegfried“. Von Klaus Ackermann

Auch am zweiten Tag von Richard Wagners Trilogie „Der Ring des Nibelungen“ setzt Vera Nemirova auf szenische Reduktion, erschließt dafür im aufregenden Psycho-Clinch das Innenleben ihrer Helden umso gründlicher. Dagegen nimmt das Frankfurter Open- und Museumsorchester unter seinem Chefdirigenten Sebastian Weigle mächtig Fahrt auf. Und dann ist da noch ein Titelheld, dessen tenorale Stimmkraft abendfüllend überzeugt: Lance Ryan gibt den heldischen Haudrauf ebenso unbekümmert, wie er die empfindsamen Seiten des Vollwaisen Siegfried berührend anklingen lässt.

Von Anbeginn ist Weigle Chef im Ring, in den Vorspielen einen dunklen Schleier über das märchenhaft-mörderische Geschehen legend und diesen lüftend. Allemal ein Fest der Tieftöner, die in vielen Schattierungen Wagners Motive – Rückblenden aufs „Ring“-Geschehen – entwirren oder hochdramatisch verdichten. Dabei bleibt trotz teils gnadenloser Härte die Balance zu den Sängern immer gewahrt.

Wie Weigle diesen orchestralen Grob- und Feinschnitt bei geschlossenem Vorhang (wenn Siegfried sich auf die Suche nach der Walküre Brünnhilde macht) in Puccini verbundenes, unendliches Liebes-Melos überführt, das macht atemlos. Wie zuvor schon ein „Waldweben“ aus berückendem Streicher-Flimmern und Holzbläser-Naturlaut: Das „Orchester des Jahres“ bestätigt einmal mehr seinen Rang.

Zurückhaltender dagegen das Szenische auf der wiederum leicht schrägen Scheibe, aus Ringen bestehend, die sich drehen und verschieben lassen und so Räume erschließen (Ausstattung: Jens Kilian). Etwa im Untergeschoss, Siegfrieds und Mimes Bleibe, die einander in tiefem Hass verbunden sind. Siegfried, das Kind im Manne schon im urtümelnden Jagd-Trikot bezeugend, piesackt seinen Ziehvater wo er nur kann. Und Mime, wie eine bebrillte Küchenhilfe ausstaffiert, braucht den ungestümen Helden als Drachentöter, um an den vermaledeiten Ring zu kommen.

Dann ist da noch Wotan, der im Frage und Antwort-Spiel mit Mime das bisherige „Ring“-Geschehen memoriert. In Ledermantel und Piratenmütze ist Bariton Terje Stensvold auch stimmlich wieder der Souverän. Ein Hauch von Magie, wenn Siegfried das Schwert Nothung schmiedet und konzentrische Lichtkreise leidlich täppisch beschwört. Zum auch gesanglich heftigen Aktschluss posiert Siegfried oben, darunter mischt Mime seinen Zaubertrank. Peter Marsh agiert mit seinem beweglichen Tenor dagegen auf gleicher Höhe.

Während sich die Gegenspieler um den Weltmacht versprechenden Ring verbal bekriegen, haben sie immer noch Zeit für ein Kartenspiel. Multitasking bei Wotan und dem viel zu sympathischen Bariton Jochen Schmeckenbecher als Alberich.

Rot glüht die Drachenhöhle, wo der kaum wiederzuerkennende Fafner Magnus Baldvinsson (Bass) gelassen und erhaben intonierend seinem Ende entgegengeht. Drachentöter Siegfried hat dagegen Aufklärungsbedarf, den ihm ein Waldvogel liefert – Robin Johannsen setzt hier ihren Sopran zu sehr unter Druck – von dem ungemein ausdrucksstarken und geschmeidigen Tänzer Alan Barnes szenisch gedoppelt.

Selbst Wotan, der sich zuvor bei der haarigen Urmutter Erda (Meredith Arwady mit in der Tiefe bruchfestem Alt), die ihm einst Brünnhilde gebar, den Untergang der Götter gleichsam bestätigen ließ, kann den wilden Knaben nicht aufhalten auf dem Weg zur Erlösung der im Feuerzauber schlafenden Walküre (Susan Bullock, feinstimmig und standhaft in der Höhe). Während die Liebenden zwischen Entzückungs- und Liebesverwirrungs-Motiv sich einander nähern, zieht Nemirova noch einmal alle Register ihrer Psychologisierungs-Kunst. Dann geht für den hell timbrierten, zwischen Heldenmut und kindlichen Ängsten changierenden Lance Ryan ein knallharter Arbeitstag glücklich zu Ende. So schnell vergehen fünfeinhalb Wagner-Stunden selten – nicht einmal in Bayreuth.

‹ Noch am 3., 6., 11., 19., 27. November

Quelle: op-online.de

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