orth holt museumsreife Berliner Kunst nach Offenbach

Hochkaräter vor eigener Haustür

Welche Frisur, welcher Nagellack, welche Intimrasur? Mit weiblichen Schönheitsidealen spielt Sonja Alhäuser in ihren lebensgroßen Frauen-Baukästen.

Offenbach - Hochkarätige Kunst aus internationalen Museen und Sammlungen vor der eigenen Haustür zu erleben, diese einzigartige Gelegenheit bietet der Kunstraum orth in seiner aktuellen Ausstellung „Discover and Escape“ dem Offenbacher Publikum. Von Carsten Müller

Kuratorin Christiane Bühling-Schultz hat in der Kunst-Etage Papierarbeiten von neun in Berlin lebenden Künstlern versammelt, eine enorme Bandbreite zwischen Zeichnung und Malerei, zwischen intuitivem und konzeptuellem Ansatz.

Städel-Absolvent Michael Kalmbach (Jg. 1962) blickt in seinen poesievollen Tuschzeichnungen tief in kindliche Psychologie. Unschuld und Bedrohung strahlen seine figürlichen Blätter aus, seine durch Birkenwälder irrenden mobilisieren Urängste.

Auch die düsteren Graphit-Arbeiten von Laura Bruce (Jg. 1959) halten gekonnt die spannungsvolle Waage. Ihre in zart-ornamentalen Details ausgearbeiteten Siedlungs-Idyllen sind bedroht von finsteren Wolken und bizarren Wesen.

Cornelia Schleime (Jg. 1953) hingegen Frau und Fauna miteinander. Ihre Mensch-Vogelwesen sind in zarten, lichten Farben gehalten und verschmelzen auf irritierende Weise miteinander. Sonja Alhäusers (Jg. 1969) selbstironische Weiblichkeit bezaubert gleichfalls Männer. Pralle Sinnenfreude verströmt nicht nur der virtuos als Tischschmuck verfasste Lebens- und Liebeszyklus, sondern auch die fast lebensgroßen Frauen-Baukästen, Schönheitsideale zwanglos auf eine karikaturhafte Spitze treibend.

Nicht minder humorvoll, aber von tiefschwarzer Natur ist der monochrome Totentanz von Sven Drühl (Jg. 1968), der seine tanzenden, segnenden, betenden Skelette als Silikonreliefs aus flächigem Öl-Auftrag erwachsen lässt.

Marcel Hüppauffs (Jg. 1972) farbkräftige, breite Strich-Expeditionen entführen in verschlungene Urwälder der Malerei, die von eigenwilliger Flora und Fauna bevölkert werden. Den Raum für Verinnerlichung öffnen Wolfram Adalbert Schefflers (Jg. 1956) aufs Äußerste reduzierte Graphit-Zeichnungen, existenzielle Fragen aufwerfend. Jan Muche (Jg. 1975) zieht Porträts aus medialer Bilderflut, die er wie Stilübungen auf Verpackungsmaterial überträgt, dabei Farbe, Fläche und Schrift kombiniert. Irritierende Hybride aus Architektur und Natur hat Maik Wolf (Jg. 1964) in spannungsvollen fotorealistischen Digital-Montagen geschaffen, an denen man sich ebenfalls kaum sattsehen kann.

‹ „Discover and Escape“ bis 10. Juli im Kunstraum orth, Frankfurter Str. 59, Offenbach. Geöffnet: Samstag und Sonntag 11-14 Uhr sowie nach Vereinbarung s  069/810044

Quelle: op-online.de

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