Hochkarätiges Rheingold geborgen

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Gebannt: Alberich und die drei Nixen.

Wirft man ihm in München Knüppel zwischen die Beine, so bleibt das Bayreuth-Publikum standhaft auf Jubelkurs. Dort ist Christian Thielemann ein Star, dessen Magie man sich schwer entziehen kann. Die strahlte der Dirigent schon im hochkarätigen „Rheingold“ ab, Auftakt zum „Ring des Nibelungen“, in dem Regisseur Tankred Dorst Mythen und Menschen beschwört. Von Klaus Ackermann

Beim gnadenlosen Kampf ums Gold bildeten vor allem der windige Loge des Arnold Bezuyen und Andrew Shore als sein schleimiger Gegenspieler Alberich eine Klasse für sich.

Wenn Thielemann dirigiert, scheint das Festspiel-Orchester an Fülle und Beweglichkeit zuzulegen. So nimmt Wagners Genesis des Klangs aus rabenschwarzen Es-Dur-Tiefen von Anbeginn gefangen. Schicht für Schicht trägt der Pultstar in unglaublicher Gelassenheit auf, bis das Netzwerk an Motiven die Geschichte vorantreibt. Thielemanns Kunst wird vor allem in den Zwischenspielen offenbar.

Moderne Menschen laufen in diesem „Ring“ den mythischen Wagner-Helden rein zufällig über den Weg. Will heißen, der Mythos ist unter uns – wir sind nur zu blind, um das zu erkennen. Allein die Kinder scheinen etwas zu ahnen vom Kampf ums Rheingold, den keiner gewinnen kann, nicht einmal die Götter, deren Dämmerung die wie eine Wunderblume erblühende Erda, Mihoko Fujimura mit feinstimmigem Alt, vorwegnimmt.

Virtuelle Ansichten vom Kieselgrund des Rheins aus, wo nackte Schwimmerinnen tauchen, den Zwerg auf Freiersfüßen ebenso reizend wie die sich ihm entziehenden Nixen (Ausstattung: Frank-Philipp Schlößmann). „Wagalaweia“ lallen die wie Flussgewächse anmutenden Rheintöchter Christiane Kohl, Ulrike Helzel und Simone Schröder, sprachlich konkreter werdend, wenn es um den Schatz geht, den der nun zielstrebigere Alberich stiehlt und den Ring in seiner Höhle schmieden lässt, die sich plötzlich im Röhrenbau einer Raffinerie auftut, Energiezentrum der Zivilisation – Dorst lässt da nicht locker.

Als wurmartige Negativ-Erscheinung rührt Andrew Shore sogar an, mit wandlungsfähigem Bariton stimmlich Überdruck ablassend und seinen Bruder Mime (Wolfgang Schmidt) verprügelnd. Um die Götter aus einer Zwangslage zu befreien, die den Riesen Geld für den Bau von Walhalla schulden, luchst ihm der clevere Loge Gold und Ring wieder ab. Arnold Bezuyen überzeugt mit facettenreich tönendem Tenor, ein gewiefter Drahtzieher, der selbst Wotan-Gattin Fricka (mit einfühlsamen Sopran: Michelle Breedt) in Wallung bringt. Ihm stimmlich gewachsen ist allenfalls der Riese Fasolt des in Frankfurt ebenfalls für Furore sorgenden Bassbaritons Kwangchul Youn, mehr als sein Bruder Fafner (neu: Ain Anger) Wert auf Verständlichkeit legend. Eher am Rand steht Göttervater Wotan, wenn er nicht gerade ein Machtwort spricht. Auch stimmlich wirkt der Bass von Albert Dohmen zurückhaltend. Kraft versprüht Edith Hallers Sopran als Freia.

Wenn am Ende Fafner mit Gold und Ring verschwindet, sich ein bonbonfarbener Nebel über Walhall legt, scheint die Götterburg schon zu brennen. Doch bis dahin ist noch viel Zeit. Auch für Jubel um den Bayreuther Superstar Thielemann.

Quelle: op-online.de

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