Gut abgehangen

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Unglückliche Liebe, große Kunst: Erica Brookhyser (Niklas), Joel Montero (Hoffmann), Olafur Sigurdarson (Coppelius).

Darmstadt - Unglückliche Liebe verwandelt sich bestenfalls in Kunst. Und so darf am Ende von John Dews Darmstädter Neuinszenierung der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ der Dichter zur Feder greifen; seine Muse leitet ihn. Von Axel Zibulski

Während einer Opernvorstellung wartet Hoffmann in der benachbarten Kneipe auf die Sängerin Stella. Seinem weinseligen Publikum erzählt er von dreifach unglücklicher Liebe - zum Automaten Olympia, zur todkranken Sängerin Antonia, zur Kurtisane Giulietta. Als Stella erscheint, lässt sie den betrunkenen Hoffmann links liegen. In Dews Sicht auf Jacques Offenbachs späte und unvollendete Oper verkörpert eine einzige Sängerin die Facetten des Weiblichen, also die stumme Stella sowie alle drei Frauenfiguren aus den Erzählungen Hoffmanns

Die Sopranistin Adréana Kraschewski stellte sich in der ersten Vorstellung nach der Darmstädter Premiere höchst respektabel der gewaltigen Aufgabe, den Frauen in den Erzählungen E.T.A. Hoffmanns mehrfache Gestalt zu geben: Olympias Koloraturen, Antonias Vokalisen, Giuliettas dunklere Mezzo-Farben. Das alles hatte Adréana Kraschewski souverän parat. Auch Erica Brookhyser, Hoffmanns Muse und zugleich sein Diener Niklas, sang wunderbar leicht und geschmeidig. Mehr noch: Als einzige konnte sie die treudeutsche Sperrigkeit der Libretto-Übersetzung von Gerhard Schwalbe vergessen lassen.

„Les Contes d’Hoffmann“ in Darmstadt

Denn man spielt „Les Contes d’Hoffmann“ in Darmstadt tatsächlich auf Deutsch. Das passt immerhin zum muffigen Retro-Look der Wein-Kneipe, die Heinz Balthes auf die Darmstädter Bühne gestaffelt hat. Ästhetisch erinnert das alles stark an die Zeit, als Anneliese Rothenberger und Kollegen zum Opernlauschen vors Wohnzimmerkino lockten. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch die Fassung der Oper von Fritz Oeser, der 1977 eine mittlerweile überholte, seinerzeit immerhin erste quellenkritische Ausgabe des Werks erstellte. Auf sie stützt sich John Dew, lässt konsequent Liebgewonnenes wie die „Diamanten“-Arie aus, zeigt die drei Erzählungen Hoffmanns als Episoden im Einheitsbild des Weinkellers – gewiss keine neue, aber nach wie vor plausible Idee.

Insgesamt beweist Intendant John Dew einmal mehr, dass er als Regisseur vor allem auf gut abgehangene Opern-Konvention setzt: Der hektisch herumalbernde und absichtlich schräg singende Kellner von Peter Koppelmann (in den vier Diener-Partien) bietet Humor aus der Klamottenkiste, und die hinter einem durchscheinenden Gemälde von Stella platzierte Erscheinung der Mutter Antonias (Elisabeth Hornung) schlicht pseudo-psychologischen Kitsch. Gerade im Antonia-Akt kann John Dew auch seine Neigung zu szenischer Statik nicht verbergen.

Kräftig und richtig klingen der Opernchor und das Staatsorchester Darmstadt unter der Leitung von Elias Grandy, neuer Kapellmeister des Hauses. Als Hoffmann singt Tenor Joel Montero in der Mittellage stabil, in der Höhe forciert und weicht vereinzelt ins Falsett aus. Und vor allem robust präsentiert sich Olafur Sigurdarson als vierfacher Bösewicht.

Weitere Vorstellungen am 10., 12., 24. und 30. Mai sowie am 2., 8., 10., 22. und 26. Juni.

Quelle: op-online.de

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