Hoher Besuch für Städel-Schönheit

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Im November sind Meisterwerke von Sandro Botticelli in Frankfurt zu sehen, darunter wertvolle Leihgaben wie die „Minerva und Kentaur“ aus den Florentiner Uffizien.

Die unbekannte Schöne wird demnächst Gesellschaft bekommen. Denn wenn ab November im Städel die große Botticelli-Ausstellung zu sehen ist, stehen die museumseigene, bezaubernde Dame aus dem 15. Jahrhundert, die vielleicht Simonetta Vespucci darstellt, und der Medici-Fürst Giuliano im Mittelpunkt. Von Lore Kämper

Letzterer muss allerdings zuvor auf Reisen gehen, da sein Porträt der Washingtoner National Gallery gehört und nur vorübergehend in Frankfurt gastiert.

Das klingt so selbstverständlich, bedeutet aber eine Menge Arbeit im Vorfeld, von der ein Publikum in der Regel nichts oder nur wenig erfährt. Der Austausch von Leihgaben zwischen großen Museen und Galerien der Welt, der seit etwa dreißig Jahren besonders lebhaft in Schwung gekommen ist und seither stetig weiter zugenommen hat, bedeutet nicht nur schlichtes Geben und Nehmen, sondern intensive Gespräche, wiederholte Reisetätigkeit und oftmals schwierige Verhandlungen. „Und natürlich eine Menge Überzeugungsarbeit“, fügt Max Hollein, in Personalunion Direktor von Schirn Kunsthalle, Städel und Liebieghaus, hinzu. Mindestens zwei bis drei Jahre vor der Eröffnung einer großen Ausstellung nennt er als Vorbereitungszeit.

Dabei ist der „Leihverkehr“ inzwischen nicht gerade einfacher geworden, speziell was in sich geschlossene Themenausstellungen betrifft, weiß Hollein. Als einen der Gründe nennt er die vermehrte Nachfrage von Ausstellungsmachern an private und öffentliche Sammlungen, zudem bekommt es einem oftmals alten und empfindlichen Kunstwerk nicht eben gut, wenn es häufig unterwegs ist. Deshalb gehen die Picassos, Cranachs oder Beckmanns wie besonders sorgfältig betreute VIPs auf Reisen.

„Von Nagel zu Nagel“, sagt Hollein, werden sie auf dem Land- oder Luftweg von einem Kurator begleitet. Spezielle Klimakisten schützen die kostbaren Objekte vor Schäden, und am Zielort dürfen sie sich zu Anpassungszwecken erst eine Weile ausruhen und akklimatisieren, ehe sie ihren Platz finden. Handelt es sich um besondere Kostbarkeiten reist die Kunst auch schon mal mit „Leibwächtern“ in Gestalt von begleitenden Polizeibeamten.

In seiner Zeit in Frankfurt hat Hollein, der internationale Erfahrung aus seinen Tätigkeiten am New Yorker Guggenheim Museum und aus Wien mitbringt, schon manches hochkarätige Werk ergattern können. Dazu trägt neben seinen guten persönlichen Beziehungen nach seiner Meinung „der exzeptionell gute Ruf des Städel“ bei, wobei von diesem „Sympathiefaktor“ auch die Kunsthalle Schirn profitiert, die sich als Galerie ohne eigene Bestände nicht ihrerseits mit Ausleihen revanchieren kann. Dazu trägt auch die Fähigkeit bei, potenzielle Leihgeber von der Bedeutung einer geplanten Ausstellung zu überzeugen und auch von den wissenschaftlich erarbeiteten Zusammenhängen der verschiedenen Werke.

Als seinen eigenen „Durchbruch“ und den Beginn seiner außerordentlich erfolgreichen Karriere in Sachen Leihgaben bezeichnet Hollein die Matisse-Ausstellung von 2003, als es ihm mit vielen Mühen gelungen war, dafür vom Stedelijk Museum Amsterdam „Der Papagei und die Meerjungfrau“ zu bekommen. Damit „war sozusagen ein Damm gebrochen“, sagt er. Denn natürlich spricht es sich in der Fachwelt herum, wer bereits Schlüsselwerke ausleihen konnte, in welcher Weise sich ein Institut seiner Verantwortung für Behandlung und Präsentation eines Objekts bewusst ist.

In diesem Wissen ließ sich im vergangenen Jahr auch der Vatikan herbei, für die Liebieghaus-Ausstellung „Launen des Olymp“ die kostbare, römische Skulptur des „Marsyas“ aus seinen Museen herzugeben. „Sensationell“, so Hollein, „dafür sind wir aber auch auf den Knien herum gerutscht.“ Wegen des guten Rufs kam man auch an einen äußerst selten ausgeliehenen Vermeer heran und darf sich nun auf die wertvollen Beiträge von dreißig bis vierzig Leihgebern für die Präsentation der Gemälde von Sandro Botticelli freuen.

Schon vor zwei Jahren hat das Städel mit den Uffizien in Florenz Kontakt aufgenommen, um die berühmte „Minerva“ nach Frankfurt holen zu können, und aus Washington wird neben Giuliano di Medici auch die „Maria mit Kind“ erwartet. Da, wie Hollein erklärt, „in den nächsten zehn Jahren sicherlich keine Botticelli-Ausstellung dieser Größenordnung in Deutschland zu sehen sein wird“, ist die Gelegenheit für eine Begegnung mit solch erlesenen Kunstwerken günstig.

Natürlich ist man auch zu kollegialen Gegenleistungen bereit. In Form von seinerseits ausgeliehenen Objekten oder, wie in verschiedenen Fällen, mit wissenschaftlichen Veranstaltungen, zu denen, wie beim „Meister von Flémalle“, Experten aus aller Welt anreisten. Vor allem liegt Direktor, Kuratoren und weiteren Mitarbeitern natürlich auch daran, eigene und geliehene Werke so als Gesamtheit zu präsentieren, dass sie ein möglichst breites Publikum anziehen. „Es wäre doch ein Riesenfrust für uns alle, wenn wir jahrelange Vorarbeiten leisten und sich dann niemand für das Gezeigte interessieren würde“, meint Max Hollein.

Quelle: op-online.de

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