Hommage an alte Kultur

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Bücher wie Schreine: Kunstvoll bemalt, beschnitzt oder mit Seide überzogen sind die in jeder Hinsicht schwergewichtigen Werke.

Offenbach - Zeiten ändern sich, auch im globalisierten China. Beklagten in den 1980er Jahren chinesische Professoren im Deutschen Ledermuseum ganz leise die Vernichtung der Kulturwerte durch die maoistische Kulturrevolution, präsentiert das Klingspor-Museum nun das Gegenteil. Von Reinhold Gries

Auf Einladung der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) wird mit Lu Jingren ein Buchdesigner vorgestellt, dessen in jeder Hinsicht schwergewichtigen Werke eine einzige Hommage an alte China-Kultur verkörpern. Dazu Museumsleiter Dr. Stefan Soltek: „Mit Mitteln des Buches macht Jingren die chinesische Geschichte ansichtig, sorgt für Verewigung. Und das mit überragendem kunsthandwerklichem Vermögen, eine Feier des Buches. “.

Angebahnt wurde die einmalige Werkschau von HfG-Professor Klaus Hesse, der Lingren 2010 in Offenbach als Gast der Grafikdesign-Biennale Deutschland erlebte. Beim Betrachten der oft schreinartig wirkenden, mit kunstvoll beschnitzten und klappbaren Holzgehäusen, Schubern und Schatullen geschützten und auch mit Seide bezogenen Folianten, Bücher und Mappen erkennt man: Hier wird das Buch in Form und Inhalt zum Ereignis.

„Volksleben im alten Peking“

Programmatisch sind enzyklopädische Werke wie „Volksleben im alten Peking“, „Album über den verlorenen Nationalschatz des Kaiserpalastes“, „Die Schönheit der Pekingoper“ oder „Chinesische Erinnerungen – Schätze aus 5000 Jahre Kultur“. Bei aller Delikatesse, in der Jingren große, oft mehrteilige Bände bebildert und beschriftet, hat das auch etwas Staatstragendes. In China will man sichtbar Identität zurückgewinnen, auch um als kulturelle Weltmacht dazustehen, ohne rückständig zu erscheinen.

Enzyklopädische Texte veredelt der Buchkünstler ebenso wie Zeremonielles oder Lyrik.

Das allerdings ist nur ein Aspekt des gewaltigen Schaffens von Lu Jingren, der nicht erst seit der Gründung des Art Design Studios 1998 Meisterliches abliefert. Von hohem Wert sind bibliophil ausgestattete Nachschlagewerke wie die „Gemalte Geschichte der Akupunktur“ (2007) mit ihren in den Buchdeckel geschnitzten Energiebahnen und -punkten oder auch Li Shizens Kompendium „Medizin und Nahrungsmittel“. Das findet inzwischen auch Eingang in westliche Medizin.

Leidenschaftlich widmet sich der auch in der japanischen Kaiserstadt Kobe ausgebildete Designer und Kunstprofessor auch anderen „alten“ Themen, die oft mit Natur und zeremonieller Lyrik in Zusammenhang stehen. „Einhundert Szenen – Chinas Drei Schluchten“, „Three inch Golden Lotuses“, „Der klassische Tee/Die klassischen Weißen Geister“, „Traum des Huangflusses“ und „Der Regenbogen hinter dem Horizont“ stehen dafür. Weltkulturerbe sichern auch Bände wie „Shaolin Temple“ und „Die Geschichte des Papierschnitts“.

Nicht nur Nachbarn sondern ganz Asien

Daneben öffnet sich Jingren nicht nur den Nachbarn sondern ganz Asien, dem Westen sowie aktueller Design-Diskussion. Vierzig zeitgenössische chinesische Buchdesigner und aktuelle Kalligraphen stellt er ebenso vor wie „Japanische Kunst – Von Modern bis Zeitgenössisch“, „Bücher, Texte und Design in Asien“ und die „Sonata A – Violinsolo con basso del Nepridi“. Sammlungen antiker chinesischer Landkarten oder „Klassische chinesische Musik – Gedenkalbum von 60 prominenten chinesischen Komponisten und Textdichtern“ stellt er persönliche Bekenntnisse gegenüber: „Reden und Malen für mich – He Youzhi“ und „Elegante Dinge – Der gefaltete Fächer von Suzho“.

Beim Staunen über Doppelbücher, Blockbuchbindung, Bildrollen, weich fließende Blätter oder handgeschöpfte Papiere sollte es allerdings nicht bleiben. Man möchte solche Werke wie „Sun Yat-sen in revolution of 1911“ oder „Revolutionäre Kunst seit der Yan´an-Ära 1942-2009“ auch lesen können. Dazu bedürfte es entsprechender Übersetzungen.

„Lu Jingren. Buchdesign“ bis 10. Juni im Klingspor-Museum, Herrnstraße 80, Offenbach. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag 10-17 Uhr, Mittwoch 14-19 Uhr, Samstag und Sonntag 11-16 Uhr.

Quelle: op-online.de

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