„Homo Faber“ als Gastspiel

Erst sachlich, dann sinnlich

Offenbach - „Homo Faber“ von Max Frisch scheint kein Roman, der auf die Bühne drängt. Ist doch die Titelfigur dauernd auf Achse, mit Flugzeug, Auto oder Schiff, in den USA, in Mexiko, Guatemala, Frankreich, Italien, Griechenland und Kuba.Von Markus Terharn 

Alles in Ich-Form erzählt, in nüchternem Berichtsstil. Wie soll das gehen? Es geht ganz prima, wie Carsten Ramm es macht! Für den Intendanten der Badischen Landesbühne ist es eine Herzensangelegenheit. Er hat den sachlichen Text sinnlich eingerichtet und in Bruchsal auf die Bretter gestemmt. Das Gastspiel bei der Theateressenz in Offenbachs Capitol überzeugt fast mehr als die Buchlektüre, so diese frisch in Erinnerung ist.

In zweieinhalb Stunden sind 250 Seiten vom ersten bis zum letzten Satz verlustfrei wiedergegeben. Ramm hat einen genialen Dreh gefunden: Die reflektierenden, oft räsonierenden Passagen spricht Walter Faber vor sich hin, um in den Dialogen mit den anderen zu interagieren. Durch geschickte Verkürzungen gewinnt die Sprache an Farbigkeit, gar an Witz. Es darf gelacht werden.

Und nicht zuletzt gedacht. Die Konstruktion ist ja eine theoretische: Ein Verstandesmensch („Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind“) trifft in einer Kette unwahrscheinlicher Zufälle den Bruder eines alten Freundes, findet diesen tot auf, lernt eine junge Frau kennen, deren Mutter seine Jugendliebe ist, schläft mit ihr – und muss erfahren, dass sie seine Tochter ist...

Um dieses Handlungsgerüst zu beglaubigen, braucht es gute Schauspieler. Und die hat Ramm zur Verfügung. Allen voran René Laier als Faber, steif, aber mit gewissem Charme, allzeit bereit, die Welt durch seine Ingenieurbrille zu betrachten. Die Kraft der Ereignisse bewirkt eine wundersame Verwandlung: Faber zeigt plötzlich Gefühle, was Laier schön spiegelt.

Glänzender Gegenpol ist Juliane Schwabe als Sabeth, kunstinteressiert und lebenslustig, temperamentvoll und fröhlich, in allem so ganz anders als der Mann, von dem sie nicht wissen kann, dass er ihr Vater ist. Als ihre Mutter Hanna ist Evelyn Nagel für die dramatischen Momente zuständig, gefällt zuvor als Fabers oberflächliche amerikanische Geliebte Ivy. Dem jungen Faber sowie allerlei Jünglingen verleiht Philip Badi Blom biegsame Gestalt. Vierschrötiger kommt Stefan Holm als dauerschwitzender, biertrinkender Deutscher Herbert Hencke daher.

Hübsche Einfälle von Regisseur Ramm wie das Pingpong mit Spielgeräuschen bei unsichtbarem Ball oder die lebenden Louvre-Skulpturen runden die Inszenierung ab. Funktional ist deren Kulisse (Carsten Ramm, Ines Unser), eine schiefe Ebene, die Flugzeugkabine oder Schiffsdeck, Paris oder Athen sein kann, sparsam bestückt mit Stühlen, die Autositze oder Cafémobiliar sein können, Metallgestänge im Hintergrund. 50er-Jahre-gemäß sind die Kostüme (Ines Unser), wie in der Vorlage beschrieben.

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Und stets präsent ist die Musik, zumal Gitarrist Hennes Holz immer zugegen ist. Seelenvoll singen die Darsteller Lieder, deren Zweck sich indes nicht gleich erschließt. Erst im Rap auf Frischs Originalprosa in der Habana-Episode, Fabers Veränderung tänzerisch auf den Punkt bringend, ergibt das Sinn.

Quelle: op-online.de

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