„Romeo und Julia auf dem Dorfe“

Hüllen fallen im Paradiesgarten

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Frederick Delius’ „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ wird dank starker Stimmen und einer intensiven Regie an der Oper Frankfurt zum Erfolg. Stimmlich und darstellerisch erste Wahl: Amanda Majeski und Jussi Myllys.

Frankfurt - Der Seelenarzt Sigmund Freud stand Pate bei Frankfurts Neuinszenierung des Lyrischen Dramas „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Frederick Delius (1862-1934) nach Gottfried Kellers Novelle. Von Klaus Ackermann 

Denn die Würzburger Regisseurin Eva-Maria Höckmayr fand bei ihrem Frankfurt-Debüt starke Bilder für den unerbittlichen Psycho-Trip in die inneren Bezirke der seit Shakespeare unsterblichen Liebenden. Auch darstellerisch ideal unterstützt von Jussi Myllys und Amanda Majeski, deren ausdrucksfähige Stimmen aus dem sinfonisch breit fließenden Klang-Strom ragten, den der Brite Paul Daniel und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spannend zu regulieren verstanden.

Ein hermetisch wirkender Bühnenbau (Ausstattung: Christian Schmidt), aufgeteilt in eine geisterhaft weiße Küche, in der ein Pantomimenpaar den Suizid der Liebenden vorwegnimmt. Während auf einem Treppenaufgang die bäuerliche Gesellschaft paradiert, Gottfried Keller eingedenk schweizerisch kostümiert (Saskia Rettig), die Menschenwelt in irdisch warmen Gelbtönen ausgeleuchtet wird und in einem weiteren Tortenstück der viel bewegten Drehbühne weißgewandete Kinder einen gespenstischen Blinde-Kuh-Reigen vollziehen.

Fantastische Traum-Visionen

Filmemacher Ingmar Bergman kommt einem spontan in den Sinn angesichts dieser fantastischen Traum-Visionen mit Sali und Vreli (wie Romeo und Julia jetzt heißen), als Kinder auch stimmlich lebhaft präsent (Ludwig Höfle und Chiara Bäuml), zudem als Hochzeitspaar in einem Alter, das sie nie erreichen werden, und vor allem als ganz real Leidende im knallharten Zwist ihrer Väter (Bariton Dietrich Volle und Bassist Magnus Baldvinsson); wohlhabende Bauern, die um ein Stückchen Land streiten, das den Liebenden als Zuflucht dient - und darüber bettelarm werden. Als Besitzer dieses Ackers fühlt sich dagegen jener magische schwarze Geiger, dem er abgenommen wurde, weil er durch die Welt vagabundiert. Publikumsliebling Johannes Martin Kränzle ist der wahre Lenker dieses tödlichen Spiels, Rächer wie Verführer gleichermaßen und mit einem ungemein elastischen Bariton gesegnet.

Noch am 25. und 29. Juni sowie am 4., 6., 10. und 12. Juli. Karten Tel.: 069/21249494

Doch die Liebenden fühlen sich weder auf dem Dorffest wohl, wenn das dichte Gespinst an Motiven in einen grotesken Tanz einbiegt und der Opernchor (Matthias Köhler) einmal mehr seine gesangliche Flexibilität und Schlagkraft unterstreicht. Noch geben sie den Avancen des Geigers nach, mit seiner Truppe die große Freiheit in den Bergen zu suchen. Stattdessen pflegen sie ihr empfindsames Pflänzlein Liebe. Dabei ist der gefühlvoll erwärmende Sopran von Amanda Majeski zu dramatischer Klage fähig, wie Jussi Myllys Tenor neben feinen Lyrismen auch Strahlkraft bezeugt. Nie alleingelassen von Höckmayr, deren intensive Personenregie deutlich wird.

Spektakulär die Liebesnacht im Gasthof „Zum Paradiesgarten“, das Paar im paradiesischer Blöße, was hier ganz natürlich wirkt - umrundet von dem teuflisch grinsenden Geiger. Unspektakulär dagegen der Liebestod per Tabletten, bei der Delius’ Impressionismen an Wagners „Tristan“ gemahnen, um wie in kurzen Atemstößen zu verlöschen. Mag sein, dass die einsame Buh-Ruferin an der Notwendigkeit nackter Tatsachen zweifelte. Doch damit stand sie weitgehend allein.

Quelle: op-online.de

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