Darmstädter Mathildenhöhe

Hundertjährige Patina

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Sakrale Motive in eigenwilliger Neugestaltung: Maria und Jesuskind als Bassinfigur vor der Russischen Kapelle.

Darmstadt - Im Mai 1914 öffnete die letzte große Jugendstilausstellung von Ernst Ludwigs „Darmstädter Künstlerkolonie“. Deren Höhepunkt auf der Mathildenhöhe war Bernhard Hoetgers (1974-1949) eigenwillig sakrale Neugestaltung des Platanenhains. Von Reinhold Gries

Das Institut Mathildenhöhe stellt das 100 Jahre alte Ensemble nun per Sonderschau ins Zentrum ihrer Welterbe-Bewerbung.

Es hat seinen Reiz, an Rodin orientierte Frühwerke aus Bronze und ab 1907 deutlich klassischere und glattere Figuren mit noch heute im Freien Stehenden zu vergleichen: Hoetgers mit Albin Müller gestaltetes Löwentor findet sich nun am Park Rosenhöhe, seine Steinskulpturen Josef und Maria mit dem Kind sitzen wie eh vor der Russischen Kapelle. Die asiatisch expressiv wirkenden Steingüsse „Geiz“, „Hass“, „Wut“ und „Rache“ auf der Terrasse des Ausstellungsgebäudes sind nur wenige Meter entfernt von ihren „Vorlagen“, 15 schön glasierten Majoliken der Serie „Licht- und Schattenseiten“ (1911/12) im Museum Künstlerkolonie. In dortigen Künstlerateliers kontrastieren Hoetgers bewegte Pariser Bronzen mit seinen Skulpturen ab 1907.

Wie sich Hoetger dem Thema „Mutter mit Kind“ zuwandte, sieht man an schönen Madonnen-Skulpturen von 1912, dann in der monumentalen Anti-Pietá „Sterbende Mutter mit Kind“ für seine früh verstorbene Maler-Freundin Paula Modersohn-Becker. Einige der Plastiken im Museum wirken wie Vorarbeiten für den Platanenhain. Wie beeindruckt Hoetger von Gauguins Tahiti-Figuren war, sieht man an seinen Reliefs „Frühling“, „Sommer“, „Schlaf“ und „Auferstehung“. Auch ihm geht es um die Darstellung des Werdens und Vergehens. Das reflektiert er im Platanenhain auch in Schrifttafeln aus Bronze und Stein mit Goethes Lyrik, Siddharthas Mystik, Echnatons Sonnengesang oder Zitaten aus damals entdeckten ägyptischen Amarna-Gräbern. Stilisierte, zarte Gesten und dezente Kopfneigungen unterstützen das Weihevolle dieser Lebensaltäre, die durch die ausgebleichte Farbfassung kaum verlieren. Bei Freiplastiken wie den klassischen Krugträgerinnen, früher in kräftigem Blau-Gelb aufleuchtend, erhöht das jetzige Grau die kontemplative Wirkung. Bronzepatina steht auch dem Panther und Silberlöwen am ehemals blauen Eingangsportal gut.

  • „Bernhard Hoetger: Der Platanenhain“ bis 25. August auf der Mathildenhöhe und im Museum Künstlerkolonie Darmstadt. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr

Quelle: op-online.de

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