Hungriger Prügelknabe

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Zittre nicht: Diener Truffaldino (Karsten Kramer) soll den Wackelpudding gleich zwei Herren servieren – hat aber selbst Hunger.

Frankfurt - Ist Ihnen das auch schon passiert, dass Sie jemanden aus Notwehr in den Knöchel geschossen, ihn aber in die Schläfe getroffen haben? Dann wissen Sie ja, was für Verwicklungen das nach sich ziehen kann! Der Italiener Carlo Goldoni hat daraus 1745 eine Komödie gefertigt, ohne die heutige Freiluftfestivals und Privatbühnen kaum wüssten, wie sie ihre Spielpläne füllen sollten. Von Markus Terharn

Am Fritz-Rémond-Theater Frankfurt hat Regisseur Peter Lotschak dem unsterblichen Klassiker „Der Diener zweier Herren“ keine neuen Aspekte abgerungen. Aber das heitere Werk um Irrungen und Wirrungen entfaltet zuverlässig seine Wirkung. .

Wer mag, kann sogar einen aktuellen Ansatz entdecken: In Zeiten, da viele Menschen von einer Arbeitsstelle allein nicht leben können, müssen sie sich eben doppelt verdingen. „Wie viele arme Schlucker suchen einen Herren und finden keinen – und ich Glückspilz finde gleich zwei“, jubelt Truffaldino und lernt: „Du arbeitest, und schon bist du wer.“ Sein Beispiel zeigt freilich, dass einen auch zwei Brötchengeber nicht satt machen, wenn sie mit dem Lohn knausern und nur mit Schlägen freigebig sind.

Als ewig hungriger Prügelknabe erobert Karsten Kramer die Herzen im Sturm. Sein Diener ist ein pfiffiges kleines Kerlchen, das von einer Verlegenheit in die nächste stolpert und sich immer wieder irgendwie herauswindet. Dabei gelingen Kramer etliche Kabinettstückchen, wenn er etwa versucht, einen verschluckten Bissen Brot wieder auszuwürgen. Auch die berühmte Szene, in der er beiden Herren Essen serviert und zwischendurch selbst davon zu naschen versucht, ist glänzend choreografiert.

Manfred Breitenfellners pittoreske Kulisse mit gemalter Venedig-Vedute bietet gerade genug Auf- und Abtrittsmöglichkeiten. Dennoch behält der Zuschauer den Überblick. Dafür sorgt differenzierte Charakterzeichnung. Rasch wird klar, dass der fesche Jüngling mit Lederwams und Federhut (Kostüme: Ulla Röhrs) nicht der im Duell getötete und wiederauferstandene Federico, sondern seine Schwester Beatrice ist. Das männliche Gehabe kriegt Eva Kruijssen ebenso gut hin wie die Rückverwandlung zu weiblichem Liebreiz. Als des Dieners anderer strenger Herr, Florindo, offenbart Oliver Kamolz unter rauer Schale einen weichen Kern. Sie sind das erste Paar.

Das zweite Paar bilden Verena Wüstkamp als Clarissa und Fabian Goedecke als Silvio; nicht die hellsten, aber miteinander verlobt und durch ein Missverständnis einander entfremdet. Beide, Experten im Ausdruck komischer Verzweiflung, stehen im Schatten dominanter Väter, das dritte Paar. Wolff von Lindenau (am Volkstheater früher in der Dienerpartie zu sehen) als Pantalone und René Toussaint als Dottore mit falsch übersetzten lateinischen Zitaten (ein stark strapazierter Running Gag) liefern sich köstliche Wortgefechte.

Damit Truffaldino nicht leer ausgeht, ist Brigitte Simons als resolute Zofe Smeraldina mit Herz und Mutterwitz zur Stelle: Paar Nummer vier. Oft paarweise agieren auch Gerhard Mohr als Wirt Brighella, der sich die ausgeklügelte Menüfolge nicht durch eine schnöde Suppe verhunzen lassen will, und Robin Marko in einer tragenden Rolle als Kellner und Kofferschlepper.

Im Programm bis 8. Januar

Die Inszenierung setzt auf Situationskomik und Sprachwitz gleichermaßen. Sie stillt das Bedürfnis nach Unterhaltung und weckt Appetit auf mehr. Nach zwei kurzweiligen Stunden dürfte manch Premierenbesucher in Truffaldinos finalen Stoßseufzer eingestimmt haben: „Und nun gehen wir endlich essen!“

Quelle: op-online.de

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