Idealbesetzung für „Palestrina“

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Globetrotter in Sachen Oper: Der in Österreich lebende Tenor Kurt Streit.

Die Oper ist sein Leben. Tenor Kurt Streit, Titelheld in Hans Pfitzners „Palestrina“, kann auf erstaunliche Parallelen zur Opern-Figur verweisen. Nach 1958 ist die „Musikalische Legende in drei Akten“ erstmals wieder in Frankfurt zu erleben. Von Klaus Ackermann

Regie führt Altmeister Harry Kupfer, die musikalische Leitung hat Kirill Petrenko, mit dem Regie-Guru seit Berliner Zeiten eng vertraut. Premiere ist am Sonntag um 18 Uhr in der Oper am Willy-Brandt-Platz.

Zeit des musikalischen Umbruchs während des Tridentiner Konzils: Der Papst hat beschlossen, die Mehrstimmigkeit aus den Kirchen zu verbannen und zum Gregorianischen Choral zurückzukehren. Umstimmen soll ihn der Komponist Palestrina mit einer exemplarischen Messe. Doch der Italiener, dessen Ehefrau gestorben ist, erlebt gerade eine Kreativ-Blockade. Erst nach einer Vision schreibt er das Werk in einer einzigen Nacht, wird als Retter der Musik gefeiert, nimmt jedoch, allein geblieben, Abschied von dieser Welt – und von seinem Sohn.

Es geht also um klerikale Macht, um eine sehr persönliche Kunst und deren Weiterentwicklung. Palestrina sei hier das mittlere Glied einer Kette zwischen alter und neuer Musik, sagt Kurt Streit – und sieht sich als Interpret in ähnlicher Position. Der in Japan geborene und in Amerika aufgewachsene Tenor hat in New Mexico und Ohio neben anderen bei Marilyn Tyler studiert, einer Schülerin von Friedrich Schorr. Der Bariton hatte zur Uraufführung das „Palestrina“ 1917 im Münchner Prinzregententheater die gewichtige Rolle des Kardinal Borromeo gestaltet.

Zudem gibt es im privaten Bereich bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit Pfitzners Kunstfigur in dessen selbst verfassten Libretto. Auch Kurt Streit hat einen geliebten Menschen verloren: Seine Ehefrau ist im November letzten Jahres gestorben, seither kümmert sich eine Haushälterin um seinen mittlerweile elfjährigen Sohn. So ist die Frankfurter Inszenierung dieser spätromantischen Oper für den renommierten Tenor auch eine Art Therapie.

Eine Biografie des Regisseurs Harry Kupfer hat den Titel „Der Gegenwart auf der Spur“, was sich in vielen Operninszenierungen belegen lässt. „Zeitlos angelegt ist dagegen der Palestrina“ des politisch so sprunghaft wie unbelehrbaren Hans Pfitzner, weiß Streit. Eine Inspiration lasse sich nicht erzwingen. Wie man auch Kunst nicht einfach ins Schubladenfach ablegen könne. Als keineswegs peinlich empfindet er den Auftritt der Palestrina seine Messe eingebenden Engel. Wie die ihn umgebenden Alten Meister sei das eine Vorstellung, die sich im Kopf des Komponisten abspiele. An Pfitzners Musik schätzt der Sänger (und Gitarrist) besonders ihre klangliche Vielfalt und „wunderbare Harmonie“. Bei intensivem Studium verstehe man, warum es gerade an dieser Stelle dieser Ton sein müsse, damit aus Musik Kunst werde.

Als lyrischer Mozart-Tenor ist Kurt Streit auf vielen Einspielungen mit berühmten Dirigenten bekannt geworden. Doch bezeugen neue Rollen den Wechsel ins dramatische Fach. Stand Streit 1993 noch sechsmal als Tamino in Mozarts „Zauberflöte“ auf der Bühne, so hat er in den letzten Jahren allein sieben neue Partien einstudiert. Dabei schätzt er Benjamin Britten und neuerdings auch Janacek besonders hoch ein, für dessen Opern sein Stimmtimbre ideal geeignet sei. Mit den Berliner Philharmonikern und seinem Lieblingsdirigenten Nikolaus Harnoncourt hat er Haydns „Orlando paladino“ erarbeitet. In Frankfurt ist der so unspektakuläre Star-Tenor demnächst als Loge in Wagners „Rheingold“ zu erleben, wahrlich ein Globetrotter in Sachen Oper.

Quelle: op-online.de

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