Idealist der Baukunst

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Städtisches Leben am Wasser: Sergei Tchobans Zeichnung „Tresor an der Spree“, 2003, Bleistift, 18x26 cm

Der 1962 in St. Petersburg geborene Architekt Sergei Tchoban lebt zwischen den Welten. Vielleicht hat er deshalb 2009 in Berlin ein Museum für Architekturzeichnung gegründet, das Brücken zwischen Kulturen und Zeiten schlägt, jedoch nicht ohne Seitenhiebe. Seine Sammlung, nun im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt zu Gast, vermittelt diesen Eindruck. Von Reinhold Gries

Beim Betrachten von Tchobans Schöpfungen wie seiner barocken und antikisierenden Vorbilder wird man sich eines Verlustes bewusst: Als Folge digitaler Revolution geht die Kunst des Handzeichnens verloren, an deutschen Architekturfakultäten wird es nicht mehr gelehrt. Das steht im Gegensatz zu Tchobans Credo: „Ein Gebäude ist schön, wenn man es schön zeichnen kann.“ So hat er das an der Petersburger Kunstakademie erlebt, wo bis heute freies Komponieren, Konstruieren und Umreißen von Bauentwürfen mit der Hand geübt wird und Baugeschichte keine Nebensache ist.

Das sieht man Tchobans wundervoll gezeichneten Kompositionen, Fantasien, Capricci und Raumvisionen ebenso an wie den oft fast erregt geschriebenen Kommentaren auf Zeichen- und Malblättern. Auf Reisen hat er sich europäischen Kulturerbes vergewissert, allen voran des italienischen in Rom und Florenz, in Venedig und der Lombardei. Mit Forscherblick hat er Kuppeln und Gewölbe geöffnet, durch- und aufgeschnitten, um Proportionen zu begreifen.

Neben dem Pantheon, Forum Trajanum und der Piazza Venezia aus Rom trifft man auch auf die venezianische Prachtkuppel von Santa Maria della Salute und die Montecatini Terme. Wie Tchobans „Versunkene Stadt“ Römisch-Italienisches im Wasser versinken lässt, entspricht realen UdSSR-Erfahrungen mit dem rigorosen Fluten alter Baukultur, die bei langer Trockenheit zuweilen aus Stauseen ragt.

Dass den Neu-Berliner das städtische Wohnen und Leben am Wasser beschäftigt, sieht man auch an Studien und Entwürfen zu St. Petersburg. Hier kommt die Vision des idealen Stadtraums ins Spiel. Daneben stehen Zeichnungen und Pastelle zu mallorquinischen und französischen Kathedralen und Schlössern („Chateau de Blois“), bei denen jeder Treppenturm ein Kunstwerk für sich ist.

Woanders sieht das anders aus, das zeigen Szenerien aus Las Vegas, wo man der Rialto-Brücke aus zweiter Hand begegnet. Das stachelt den kritischen Visionär noch mehr an, zu „Capricci über den architektonischen Furor fiebrig barocker Raumphantasien“ oder kühne Raumstudien zum Leipziger Bahnhof. Die wiedererstandene Dresdener Frauenkirche aquarelliert er als Kompositbild. Wie wenig sich Tchoban der Neuzeit verschließt, zeigen rhythmisierte Ansichten des New Yorker Columbus Circle sowie des erneuerten Johannisviertels und „Tacheles-Quartiers“ aus Berlin.

Sergei Tchoban – Zeichner und Sammler“ bis 14. März im DAM Frankfurt, Schaumainkai 43. Geöffnet Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.

Da gerät die Architekturzeichnung des Barock und Klassizismus in den Hintergrund. Bibienas Fantasien, die Ansichten des Hafens von Messina und Szenen mit römischen Ruinen belegen Tchobans Ideen-Reservoir ebenso wie Machajews barocke Petersburger Veduten. Quarenghis bühnenbildhafte Landschaften oder Jacques-Louis Davids romantisierende Rom-Ansichten wirken aber angesichts solch großen Engagements für unsere (Bau-)Kultur weniger packend. Wie es dabei in seinem Architektenkopf aussehen könnte, hat er in aufgebrochenem und durchtrepptem Bronzekopf festgehalten.

Quelle: op-online.de

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