Konzeptuelle Zeichnungen im MMK

Die Idee ist das Kunstwerk

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Jeffrey Wisniewski „Ohne Titel“ (1990)

Das Museum für Moderne Kunst Frankfurt lebt von seinen Rauminszenierungen. Pop, Minimal und Concept Art prägen das Bild ebenso wie Joseph Beuys’ Installation „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“, Claes Oldenburgs „Bedroom“ aus der Sammlung Ströher oder farbige Wände Günther Förgs. Dahinter stehen konzeptuelle Zeichnungen, die Besuchern bisher vorenthalten blieben. Die Ausstellung „Die Funktion der Zeichnung – Konzeptuelle Kunst auf Papier“ aus eigenem Bestand ändert das: „Work in progress“, Kunst im Kontext von Reflexion, Planung und Realisierung.

Zu sehen ist, welche Ideen hinter Lichträumen Dan Flavins, Neon-Schriftbildern Joseph Kosuths und Installationen Ilya Kabakows stehen. Paul Sharits’ „Frozen Film Flames“ oder Lawrence Weiners „Stones found and broken some times in the future“ werden transparenter. Detaillierte Handlungsanweisungen, akribische Konstruktionszeichnungen und vielfältige Aufbau- und Ideenskizzen zeigen, dass Kunst mehr tastendes Suchen ist als genialische Eingebung.

Eva von Platen, Absolventin der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG), resümiert: „In meinem Kopf gibt es kein Zuhause.“ Unzählige Male zog sie um, protokollierte Adressen, Grund- und Aufrisse ihrer Wohnungen: „Güttersbach, Grasellenbacher Weg 32“, „Austr. 11“, „Friedrichstr. 32“, „Sprendlinger Landstraße“. Nicht nur Offenbach-Skizzen ergänzte sie mit Personen und Ereignissen, brachte durch Kunst Ordnung ins private Chaos.

Ein anderer aus Offenbach, HfG-Dozent Heiner Blum, hat 1982/83 Schlagzeilen aus der „Bild“ zerlegt und gegeneinander gesetzt. Schwarz auf Weiß. Assoziationsketten wie „Taschenrechner – Kernseife – Campari“ geben Begriff vom Dasein. Jochen Hendricks, der Worte zu Bildern und Bilder zu Worten werden lässt, zeichnet in virtuosem Diagramm Augenbewegungen beim Lesen auf. Das lässt tief in Wahrnehmungsprozesse blicken. Ähnlich filigran wirken Jochen Flinzers Partituren für Stickarbeiten. Peter Roehr demonstriert die Macht der Zeichen an gestanzten Lochkarten, Gerhard Richter in fünfteiligem Alpen-Alphabet. Ins Extrem geht Hanne Darboven im raumfüllenden Hauptwerk „Ein Jahrhundert – Johann Wolfgang von Goethe gewidmet“. Ihrem gewaltigen Logbuch entgeht nichts.

Andere Konzeptkünstler üben sich in Verknappung: Barry Le Va mit charmanten Skizzen, Joseph Kosuth mit Kugelschreiber für die Leuchtschrift „Four Colours Four Words“, Alighiero Boetti mit topografischen Umrissen. Großen Raum nehmen Franz Erhard Walthers 100 Zeichnungen ein. Texturen, Gespinste, Brechungen, Strahlungen und geometrische Codierungen haben hohen Eigenwert, auch wenn sie Happenings und Installationen vorbereiteten. Opulent Sarah Morris’ farblich wie geometrisch neu definierte Op Art, Thomas Rehbergers Camouflage des Tortenstücks und Jeffrey Wisniewskis grafisch-malerische Darstellung einer Ballonaktion. Beuys’ „Soziale Plastik“ schwingt mit. Wer das nicht für Kunst hält, kann sich an 250 Zeichnungen von 1965 bis 2009 vom Gegenteil überzeugen. R. GRIES

P„Die Funktion der Zeichnung – Konzeptuelle Kunst auf Papier“, Museum für Moderne Kunst Frankfurt (MMK), Domstraße 10. Geöffnet vom 27. März bis 22. August Dienstag bis Sonntag 10 bis 18, Mittwoch 10 bis 20 Uhr

Quelle: op-online.de

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