Stamm und Gesthuysen beim Rheingau Literatur Festival

Identitätskrisen und Familiengeschichten

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Peter Stamm

Eltville/Geisenheim - Finale der Kontraste. Zum Ausklang des Rheingau Literatur Festivals kamen zwei Autoren, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Von Markus Terharn

Peter Stamm, zum vierten Mal Gast der Wein-Lese, Preisträger anno 2000, stellte seinen neuen Roman „Nacht ist der Tag“ im Weingut Baron Knyphausen in Eltville-Erbach vor. Anne Gesthuysen, mit RLF-Premiere, präsentierte „Wir sind doch Schwestern“ im Weingut Dr. Gietz in Geisenheim-Johannisberg. Als Moderator wurde Martin Maria Schwarz beiden Schriftstellern gerecht.

Wer es so hält wie Stamms Großvater, wäre an beiden Abenden verkehrt gewesen. „Warum soll ich einen Roman lesen?“, soll der gefragt haben. „Das stimmt ja nicht.“ Dabei schreibt kaum einer so stimmige Prosa wie der auch im Gespräch nachdenklich und sehr ernsthaft wirkende Schweizer. Wie sein Landsmann Max Frisch in „Stiller“ oder „Mein Name sei Gantenbein“ widmet er sich hier dem Thema Identität.

Die Kunst des Weglassens

Die der Fernsehmoderatorin Gillian wird auf eine harte Probe gestellt, als sie ihren Lebensgefährten und ihre Nase verliert. Stamm beginnt mit dem Autounfall, fährt fort mit dem bösen Erwachen im Krankenhaus und liefert die Vorgeschichte nach.

Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Die drei Urfragen aller Literatur verhandelt Stamm in einer Sprache, die so nüchtern ist, wie es der klinische Charakter dieser Handlung nahelegt. Seine Kunst ist eine des Weglassens, wie Schwarz richtig bemerkt. Nicht nur die mit Unterbrechungen acht Jahre Arbeitszeit zeigen, dass sich Stamm schwer geplagt hat, es Lesern leicht zu machen.

Anne Gesthuysen

Wie seine Protagonistin ist Gesthuysen TV-Moderatorin („ARD-Morgenmagazin“) und um Worte nie verlegen. Dass sie nicht nur in 2:30 Minuten, sondern auch auf 400 Seiten erzählen kann, belegt ihr Familien- und Heimatroman. Und dass sie darüber dreieinhalb Stunden reden könnte („Das Buch lesen können Sie selbst“), glaubt ihr jeder.

Lebhaft und temperamentvoll berichtet Gesthuysen mündlich und schriftlich von ihren Großtanten Katty, Paula und Gertrud, zusammen fast 300 Jahre alt geworden. Das Ergebnis ist ein pralles Zeit- und Sittengemälde aus tiefster Niederrhein-Provinz. Mit drei Heldinnen, die man sofort ins Herz schließt. Und teils in Prozessakten und Zeitungsarchiven so gut dokumentiert, dass die Verfasserin nicht viel erfinden muss.

So launig all das wirkt: Mit Recht verweist Schwarz darauf, dass diese Frauen zwei Weltkriege durchgemacht haben. Und nicht ihre große Liebe leben konnten, ergänzt Gesthuysen. Wie sie diese Widrigkeiten meistern, das wärmt die Herzen des Publikums bei weißweinfreundlichen Lagertemperaturen.

Wer es übrigens nicht für möglich hält, dass Gesthuysen schweigen kann: Über ihren prominenten Ehemann und Kollegen Frank Plasberg gibt sie nichts preis. Aber das vermisst wohl niemand.

Quelle: op-online.de

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