Immer mit dem Finger in der Wunde

Frankfurt - Moralische Bedenken sind Hubert Unwirsch fremd. Als erfolgreicher Unternehmensberater kann er sich dergleichen ohnehin nicht leisten. Von Maren Cornils

Und was das Thema Korruption angeht, so ist Unwirsch, der lieber Dr. Nikolaus von Klauberg hieße, in bester Gesellschaft, wie ein Blick nach Italien oder Griechenland beweist.

In seinem neuen Programm „Es geht weiter“ schlüpft ein in Ehren ergrauter Bruno Jonas in die Rolle des smarten Beraters, der sich kurz vor seinem Talkshow-Auftritt in die Karten schauen lässt, und nimmt sein Publikum im ausverkauften Saalbau Bornheim mit auf eine Reise in den politischen Morast. Von Berlusconi und Papandreou ist da natürlich die Rede, aber auch die deutsche Politikerzunft kommt in Jonas’ Abgesang auf Moral und Werteorientierung ihr Fett weg.

Desillusionierender Blick in die Abgründe der Wirtschaftspolitik

Gekaufte Doktortitel, Berlusconis Operettenpolitik, Euro-Misere und Gysis Rolle im Politiktheater: Bruno Jonas amüsiert sich über all das königlich. Sein desillusionierender Blick in die Abgründe der Wirtschaftspolitik gerät zur pointenreichen Abrechnung. Vor der katholischen Kirche macht er dabei ebenso wenig Halt wie vor dem Alten Testament, in dem er die Wurzeln für Korruption und Bestechung gefunden haben will: „Korruption ist ein von Gott gewolltes Verhalten, damit die Menschen besser zusammenleben.“ Nicht die einzige abwegige Theorie, mit der Hubert Unwirsch an diesem Abend Lacher erntet. Da wird Gregor Gysi als Buffo entlarvt, Michel Friedmann als „Sympathieträger der Nation“ und Philipp Rösler als „Wonneproppen“, bei dem man „am besten den Ton abstellt“.

Topaktuelle Gesellschaftskritik

„Es gibt Berufe, da kommen Sie mit Intelligenz nun einmal nicht weiter“, unkt das ehemalige Mitglied der Münchener Lach- und Schießgesellschaft. Überhaupt, die Politik: „Was Sie dort finden sind reine Meinungsdarsteller. Jeder äußert eine Meinung, nur nicht die seine“, echauffiert sich Unwirsch, um kurz darauf bei denen zu landen, die Politikern diese Art der öffentlichkeitswirksamen Selbstdarstellung überhaupt erst ermöglichen. Ob Sandra Maischberger, Anne Will oder Frank Plasberg, geht es um Talkshows, kennt Jonas ebenso wenig Pardon wie bei Bankern, den McKinseys dieser Welt oder bei smarten Wirtschaftsanwälten.

„Es geht weiter“ ist witzig verpackte und topaktuelle Gesellschaftskritik, die nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommt, wohl aber nachdenklich stimmt. Wenn Jonas erklärt, wie es dazu kam, dass die Neandertaler sesshaft wurden, flugs einen Bogen zum Jägerzaun schlägt und dann sehr bildhaft versucht, die Methode Leerverkauf am Beispiel eines Steinzeitmenschen zu verdeutlichen dann zählt das zu den Höhepunkten eines an anspruchsvollen und hintersinnigen Gags reichen Abends. Kabarett, wie es sein muss: gallig, unversöhnlich und immer mit dem Finger in der Wunde.

Quelle: op-online.de

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