Inspiration aus der Natur

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Am Anfang steht meist ein Spaziergang: Diesen Vorleger schuf Anja Göbel aus Pappelkätzchen.

„Es beginnt meist mit einem aufmerksamen Spaziergang“, beschreibt Anja Göbel die Quelle ihrer Ideen. In der Natur findet das Mitglied der Künstlerinnengruppe „raumpflege“ nicht nur Inspiration, auch Samen und Kapseln, Schoten und Blätter. Von Reinhold Gries

Was sie, Veronika Fass, Ulla Reiss und Sylvia Richter-Kundel daraus machen, ist nun im Alten Haus des Seligenstädter Kunstforums zu bestaunen. Göbel lässt im Keller „Vorratsschädlinge“ in Kettenformation aus Buchsbaumkapseln über die Wand kriechen. Ihr Eukalyptusblätter-Arrangement rieselt als „Blattfluss“ die Treppe herunter, einen Küchenstuhl polstert sie mit einem Kissen aus Lärchennadeln. Als „Vorleger“ dient ihr dichtes Gewebe aus Pappelkätzchen, als Direkttapete ein Gefüge pilzbefallener Birnenrost- oder Pappelblattschnitte.

Was sich merkwürdig anhört, sieht wirklich wie Kunst aus. Goebels Schnitte schneckenzerfressener Seerosenblättern muten an wie Geklöppeltes, rhythmische Schriftbilder aus Robinienschoten und Bauhinia-Ranken wie feine Kalligrafie. Pantoffeln oder Sitzkissen aus Lärchennadeln entziehen sich allerdings jeglicher Benutzbarkeit. Ähnlich unfunktional sind auch andere gewitzte und charmante Schöpfungen.

"Schöner Wohnen" mal anders

„Schöner Wohnen“ der besonderen Art bietet Richter-Kundel, indem sie Wohnräume mit Umriss-Möbeln definiert. Die aus weiß gestrichenen Holzlatten gebauten Stuhl-, Tisch-, Bett- und Schrankgerüste sind das Skelett der gesamten Rauminstallation, die sich vom Vorratskeller, Flur- und Garderobe bis zur „Bibliothek“, zum „Salon“ sowie zum Ess- und Schlafzimmer zieht. Um alles wohnlich zu machen, lässt es Veronika Fass wachsen: Aus einem „Kartoffelteppich“ im Vorratskeller fransen Kartoffelkeime immer höher aus. Ähnlich verwandelt sich ihr dekorativer Rosettenteppich im „Speisezimmer“ und ihr in Strichcode gereihter Kresseteppich im „Wintergarten“.

„raumpflege“ bis 14. März im Kunstforum Seligenstadt (Altes Haus). Geöffnet: Freitag bis Sonntag von 15 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung unter Tel: 06182/924451.

Während Fass auf täglich nachgefeuchtetem Humus für Leben sorgt, hat Reiss mit getrocknetem Naturmaterial experimentiert. Virtuos webt sie aus Kaktusfasern und Messingdraht eine ganze Modekollektion, vom alten Wams und feenhaften Kinderkleidchen bis zur Korsage. Ihren mit Queckesamen gespickten Fehdehandschuh möchte man nicht tragen müssen, eher schon die aus Zweigen geflochtene Perücke Modell Piroschka. Auch Reiss’ mit Queckehalmen überfluteten Treppenaufgang, den „Hausbrunnen“, kann man nicht erklimmen. Stattdessen geht es über den Hof zur Esszimmer-Gardine aus Queckehalmen, vor der eine Vase aus Rispen-Gras Schatten wirft. Die versponnene Installation „Musikzimmer“ hat Reiss an raumgreifenden Drähten zum Schweben gebracht. Dort meint man, auf Notenblättern fixierte Grassamenmelodien hören und Kaktusfaser-Kalligrafien auf „Evangeliar“-Blättern lesen zu können. Eine verwunschene Märchenwelt zeigt sich auch im prall mit Baumnadeln gefüllten Schränkchen oder in Wandaussparungen, die wie Altarnischen erscheinen. Darin haben selbst Kartoffeln auf Mehlbasis etwas Sakrales. Eine „Raumpflege“ der bezaubernden Art. 

Quelle: op-online.de

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