Räuber wider Willen

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Ein Koffer mit geheimen Nato-Dokumenten bringt das Doppelleben des Strichers (Daniel Rothaug) durcheinander.

Frankfurt - Gehören die schon dazu? Zwei stämmige junge Kerls, beide nicht sonderlich groß gewachsen, stürmen auf der Straße an der Zuschauergruppe vorbei, der eine haut vor dem anderen ab. Von Sebastian Hansen

Hinterher sitzt der Verfolgte in einem Winkel des Tresens in der Terminusklause, einer kleinen Kneipe – es darf geraucht werden – im Frankfurter Bahnhofsviertel, abseits des Rotlichtdistrikts.

Das Theater nimmt seine Zuschauer gern auf Exkursionen mit, es spielt an Plätzen, die einen Naturalismus in der wirklichen Welt bieten, gleichsam als Gegenposition zu den Stilisierungen und Abstraktionen, mit denen die Bühnenbildkunst schon seit den 1920er-Jahren die Nachstellung der Natur hinter sich gelassen hat. Vierzig Zuschauer verteilen sich diesmal mit der „Box unterwegs“ des Schauspiels an den Tischen dieser denkmalschutzwürdigen Kneipe im rustikalen, durch dunkles Holz geprägten Brauhaus-Stil der 1960er-Jahre samt Spielautomaten und einigen Stammgästen am Tresen.

Gespielt wird die auf den heute in London lebenden spanischen Schriftsteller Carlos Eugenio López (Jahrgang 1954) zurückgehende monologische Erzählung „Ein kurzer Aussetzer“ aus der 1999 im spanischen Original erschienenen Sammlung „Bordell der Toten“. Der literarisch anspruchsvolle Text handelt von einem Callboy, der einen Herrn im feinen Anzug bedient hat, nicht ahnend, dass es der Verteidigungsminister ist. Dabei ist er in den Besitz eines versehentlich stehengebliebenen Koffers mit geheimen Nato-Unterlagen gelangt und muss darum damit rechnen, dass nach seiner Person gefahndet wird.

Nun droht hässlicherweise seine Doppelexistenz aufzufliegen – und sein Leben in sich zusammenzubrechen. Seine Freundin Alicia – man hat eskapistische Pläne geschmiedet von einem Leben auf dem Lande samt Bienenzucht – weiß nicht um seinem unrühmlichen Broterwerb, sie hält ihn für einen anständigen Drogendealer und Handtaschenräuber, derweil ihm für letzteres der Schneid abgeht. So gerät er in ein mäanderndes Philosophieren von durchaus tresenüblicher Dimension. Es geht beispielsweise um die Frauen, die „nicht dich vögeln wollen, sondern deine Heldengeschichte“. Überhaupt stammen wir doch letztlich alle vom Affen ab, gleich ob wir nun einen Anzug tragen oder Stricher sind. Und ähnliches aus einem Fehlen der inneren Mitte und einem mangelnden Halt in einer maroden Gesellschaft geborene Lamento mehr. Verdammt kompliziert ist das Leben, einfacher wäre der Tod.

Der junge Daniel Rothaug, zum Studio, dem Ausbildungszweig des Schauspiels gehörig, spielt unter der Regie von Christian Franke mit einer gestenreich-verschwitzten Intensität, er panthert viel hin und her. „Total gut gemacht“, sagt am Schluss jemand am Tisch. Ja, stimmt. Wirklich gekonnt.

Weitere Aufführungen heute sowie am 12. März.

Quelle: op-online.de

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