„Titanic“-Hit war ein magischer Zufall

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US-Filmkomponist James Horner.

Frankfurt - Für mehr als 100 Filme lieferte Hollywood-Komponist James Horner die Musik, der berühmteste und erfolgreichste Song aus seiner Feder ist „My Heart Will Go On“ aus „Titanic“.

Beim „eDIT Filmmaker’s Festival“ in Frankfurt, Arbeitstreffen der Branche, wurde der 58-jährige mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. Im Interview mit Dirk Fellinghauer erzählt der US-Amerikaner von seiner Arbeit.

Was ist aus Ihrer Sicht die Rolle eines Filmkomponisten?

Horner: „Idealerweise sollte er Musik schreiben, die hilft, die Geschichte des Films zu erzählen. Die Musik sollte gar nicht so sehr als solche wahrgenommen werden, sondern immer nur den Film unterstützen.“

Haben Sie eine bestimmte Methode, wie Sie Filmmusik komponieren?

„Eigentlich ist es ganz einfach. Das erste, was ich tue: Ich treffe mich mit den Leuten, die am Film beteiligt sind, um herauszufinden, ob ich sie mag. Dann werde ich meistens gebeten, das Drehbuch zu lesen. Das mache ich manchmal, manchmal auch nicht.“

Sie lesen nicht immer das Drehbuch, für das Sie Musik schreiben sollen?

„Das Drehbuch sagt einfach manchmal nicht viel aus. Manchmal ist das Drehbuch wunderschön, und der Film ist eine Enttäuschung. Oder das Drehbuch ist so einigermaßen, aber der Film wird wundervoll. Es ist einfach nicht aussagekräftig. Deshalb ist es mir am wichtigsten, die Menschen kennenzulernen und herauszufinden, wie sie sind.“

Und wenn Sie die Menschen mögen, arbeiten Sie weiter?

„Dann schaue ich mir die Rohfassung des Films an, auch wenn sie acht Stunden lang ist. Da bekomme ich die Vorstellung vom Film, die ich brauche. Anschließend treffe ich mich mit dem Regisseur, setze mich mit ihm zusammen und gehe den Film Stück für Stück mit ihm durch, wir sprechen über die Musik, nach der er sucht.“

Wie suchen Regisseure nach Musik für ihre Filme?

„Manchmal sind die Regisseure sehr nervös und wollen sehr viel Musik reinpacken. Aber ich finde, zu viel Musik ist nicht gut. Deshalb gehört es zu meiner Arbeit, auch zu sagen, wo man Musik weglassen sollte. Meine ersten Ideen für die Musik spiele ich den Regisseuren auf dem Klavier vor, aber nur, wenn sie es verstehen.“

Es gibt Regisseure, die Klaviermusik nicht verstehen?

„Ja. Wenn ein Filmemacher es nicht versteht, wenn er sich ein Klavierthema nicht auf Orchester übertragen vorstellen kann, muss ich es elektronisch machen, mit einem Synthesizer als Ersatzorchester. Das ist immer häufiger der Fall, die Regisseure haben immer weniger Ahnung von Musik.“

Wie ist unter diesen Umständen „My Heart Will Go On“ entstanden?

„Das ist ein sehr gutes Beispiel. Ich habe erst eine ungeschnittene Version des Films gesehen, die fast 30 Stunden lang war. Anschließend bin ich nach Hause gegangen und habe vielleicht fünf Themen geschrieben. Das dauerte nur ungefähr zehn Minuten, ich habe einfach meine Reaktionen auf den Film, meine Gefühle und Notizen verarbeitet. Ich habe sie dem Regisseur James Cameron auf dem Klavier vorgespielt, während er am Drehen war. Er liebte sie. Diese Themen wurden nie mehr verändert. Als die Orchesteraufnahmen begannen, stand für mich fest, dass ich eine Solostimme haben möchte in Kombination mit der irischen Penny-Whistle-Flöte, weil es für mich nichts Schöneres gibt.“

Was noch fehlte, war die Stimme von Céline Dion ...

„Ich hatte die Musik für fast den kompletten Film fertig komponiert, nur das Ende fehlte noch. Ich dachte, nach der vielen Orchestermusik durch den ganzen Film hindurch würde weitere Orchestermusik zum Schluss keine weiteren Emotionen auslösen. Ich musste etwas anderes, Direkteres finden und dachte, vielleicht wäre ein Song die richtige Idee. Als wir auch den Text geschrieben hatten, fiel mir Céline ein, die ich schon kannte, seit sie sehr jung war, und mit der ich schon vorher zusammengearbeitet hatte. Regisseur James Cameron habe ich nichts davon erzählt.“

Warum nicht?

„Er war absolut dagegen, einen Song zu verwenden. Er hasste diese Idee! Das Lied habe ich trotzdem geschrieben und heimlich mit Céline in New York bei Sony aufgenommen. Das Demoband trug ich für Wochen mit mir herum. Ich traf Cameron jeden Tag, aber ich wollte den richtigen Moment abpassen. Céline rief mich schon dauernd an. Ich sagte immer, ich kam noch nicht dazu, aber morgen klappt es bestimmt. Als es endlich soweit war und James nach einer erfolgreichen Testvorführung bester Laune war, fragte ich ihn, ob sich etwas anhören wolle. Er erkannte Céline und mochte es und fragte, was es für ein Song ist. Ich eröffnete ihm, was ich damit vorhatte.“

Und wie reagierte er?

„Er hörte es mehrmals an und spielte es seiner Familie vor, bis er sagte: Na gut, mach mal. Aber er war immer noch nervös. Er baute den Song ein, aber erst nur testweise, er sagte immer: Es ist nur vorübergehend. Dann präsentierte er die Version des Films mit dem Song in New York, und das Publikum brach in Tränen aus. Da sagte er, Okay, wir machen es. Das ist wirklich eine dieser magischen Geschichten, die eigentlich nie passieren, da war sehr viel Zufall im Spiel.“

Quelle: op-online.de

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