Inzestpaar lässt Wotan wanken

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Geschwisterliebe: Eva-Maria Westbroek und Frank van Aken

Auch „Die Walküre“ hält, was „Das Rheingold“ versprochen hatte: In Vera Nemirovas Neuinszenierung menschelt es, während hehre Götter in Kalamitäten sind. Ein hochdramatischer Wagner-Stoff, in dessen Abgründe Sebastian Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester eintauchen. Von Klaus Ackermann

Dabei starke Gesangsleistungen abrufend, mit dem unseligen Inzestpaar Frank van Aken (Siegmund) und Eva-Maria Westbroek (Sieglinde) an der Spitze, die auch im wirklichen Leben zusammen sind.

Es schneit auf der leicht schrägen Scheibe, aus Ringen bestehend, die sich drehen, verschieben lassen und so Räume erschließen (Bühnenbild: Jens Kilian). Während zum rhythmisch peitschenden Vorspiel Siegmund an Hundings Herd Schutz sucht, mit dem seine Schwester zwangsverheiratet ist. Wotan ist an allem Schuld. Hat er doch Menschen geschwängert und Zwillinge gezeugt, die nichts voneinander wissen. Dennoch fühlen sie sich zueinander hingezogen, was Nemirovas Personenregie in scheuen Gesten und Blicken ideal herausstellt. Und was Hunding nicht verborgen bleibt, den Ain Anger als Macho gibt, bei viel stimmlichem Bizeps eines geradlinigen, etwas monochromen Basses.

Es schneit auch noch wenn das Geschwisterpaar in Liebe entbrennt und Siegmund von den Winterstürmen, die dem Wonnemond wichen, singt. Allenfalls als zartes Morgenrot am Horizont „leuchtet der Lenz“. Ausdrucksstarke Momente des Frank van Aken, der seinen Heldentenor schier drucklos reguliert, getragen von wohligem Orchesterklang. Nach anfänglich betontem Vibrato ist Eva-Maria West broeks Sopran Empfindung pur, über strahlende Spitzentöne verfügend, anrührend im tiefen Leid.

Noch am 4., 7., 10., 18., 21. und 28. November. Karten: Tel.: 069 212-49494

Und sie ist doch eine Scheibe, die braun getönte Erde, auf der ein Spielzeugpferd steht, Brünnhildes Ross, die mit Walküren-Elan in den „Ring“ steigt – noch zur Freude ihres Erzeugers Wotan, dem seine Partylaune bald vergehen wird. Denn in einer Art Seitenaltar harrt Gattin Fricka seiner, die ihm ob des Inzests so kräftig den Kopf wäscht, dass der zum Schluss schwört, das Duell der Kampfhähne zugunsten Hundings zu entscheiden. Unerhörte Frauenpower ist im Spiel – in Martina Dikes Sopran, der sich ohne hysterische Anmutung in schneidende Höhen schaukelt.

Eine Überraschung muss sein: In Nemirovas Beziehungen entwirrender Inszenierung findet der „Walkürenritt“ in einer Trauerhalle statt, mit Särgen, die von Soldaten hereingetragen werden, während die Brünnhilde-Truppe auf dem Dach posiert.

Seine harte, expressionistische Gangart nimmt der Dirigent erst am Ende heraus, wenn Wotan, dem der hell tönende Bassbariton Terje Stensvold herrischen, aber auch empfindsamen Charakter andient, seine Lieblingstochter bei orchestral wie abgezirkeltem „Feuerzauber“ in Schlaf versenkt. Susan Bullocks dramatisch standhafter und in der Höhe überzeugender Sopran hat Momente nahezu kindlicher Hilflosigkeit. Aus dem Schlummer wird Siegfried sie erlösen, Sohn des Inzestpaars: Fortsetzung folgt.

Quelle: op-online.de

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