Der Irrsinn des Alltags

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Der alltägliche Wahnsinn, dokumentiert am Beispiel des Frankfurter Stadtteils Sossenheim.

Im Jahr 1990 begab sich der Karikaturist Chlodwig Poth nochmals an die Front. Aus dem schicken Holzhausenviertel in Frankfurt zog er in den Vorort Sossenheim, wo er fortan ein altes Schulhaus bewohnte und nebenbei seine Berufung fand: den Untergang der Welt, wie wir sie kennen, in Bildern festzuhalten. Von Christian Riethmüller

Also zeichnete er viele hundert Blätter mit Sossenheimer Szenen, die den unscheinbaren Ortsteil, der nicht mehr Dorf, aber auch noch nicht Stadt ist, zu einem Synonym für den Alltag mit all seiner Engstirnigkeit, Blödheit und Gemeinheit werden ließ. „Last Exit Sossenheim“ war plötzlich ein Begriff, nicht nur, weil Poth unter diesem Namen seine Karikaturen in Serie in der Satirezeitschrift „Titanic“ veröffentlichte.

Unter dem Titel „Poth für die Welt“ ist nun im Caricatura-Museum in Frankfurt eine erkleckliche Zahl dieser Sossenheim-Blätter ausgestellt, mit denen der am 4. April 1930 in Wuppertal geborene und am 8. Juli 2004 in Frankfurt gestorbene Poth 14 Jahre lang seine Auseinandersetzung mit seiner Stadt führte. Poths langjähriger Weggefährte Hans Traxler hat dieses Werk zu Recht auf eine Stufe mit anderen Stadt-Karikaturisten wie Zille, Georges Grosz, Sempé oder Deix gestellt.

Poth für die Welt“ ist bis zum 25. April im Caricatura-Museum Frankfurt, Weckmarkt 17, zu sehen. Öffnungszeiten: Di bis So 10 - 18 Uhr, Mi 10 - 21 Uhr. Zur Ausstellung ist ein prächtiges Begleitbuch im Verlag Antje Kunstmann erschienen (19,90 Euro).

Doch Poth war nicht nur legendärer Sossenheim-Chronist, sondern schon vorher ein Star unter den Karikaturisten. Der Mitbegründer der Satirezeitschriften „Pardon“ und „Titanic“, einer der fünf Zeichner der „Neuen Frankfurter Schule“, hatte mit seiner famosen Alternativmilieustudie „Mein progressiver Alltag“ schon in den Siebziger Jahren hunderttausendfache Auflagen erreicht.
Ein Auswahl dieser Arbeiten, dazu zahlreiche Stadtlandschaften, Cartoons, Hassblätter und Werbeplakate sind in der wunderbaren Ausstellung, die sich aus Beständen des Caricatura-Museums und des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt speist, ebenfalls zu sehen.

Auch in der Dauerausstellung des Museums sind nun andere Bilder von Poth, Traxler Gernhardt, Bernstein und Waechter zu sehen. Zur Eröffnung der Poth-Schau ist der halbjährliche Wechsel der Bilder in der Dauerausstellung durchgeführt worden. 

Quelle: op-online.de

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