Italo-Schlager als Trostspender

Frankfurt - Der Mensch lebt nicht für sich allein. Er ist angewiesen auf den Austausch mit anderen. Emotional, geistig und in den praktischen Dingen des Alltags. Er sucht Erfüllung in der Partnerschaft. Von Stefan Michalzik

Ein Netz von Abhängigkeiten, die der Macht des Willens Grenzen setzen. Althergebracht ist dafür die Metapher des Spiels, in dem der Einzelne nichts anders als seine Figur ist.

Das mit seinem Tanztheater Club Guy & Roni im niederländischen Groningen ansässige israelisch-arabische Choreografen-Duo Guy Weizman und Roni Haver schickt in seinem Stück „Pinball and Grace“, das im Frankfurter Mousonturm gezeigt wurde, ein aus acht Tänzern und sechs Perkussionisten bestehendes Ensemble auf die Spielfläche eines Flippers. Der Versuchung eines angesichts dieses Sujets naheliegenden Dekor-Naturalismus erliegt es klugerweise nicht. Die Tänzer und Musiker freilich, die sich im andeutungshaft kahlen, von Ascon de Nijs aus wenig mehr als einem Stahlrohrgerüst, Lichterketten und Bierkästen geschaffenen Ambiente bewegen, verströmen mit Paillettenbesatz und weißen Anzügen den Glanz eines Off-Musicals. Einer Feier des Trash enthält man sich indes.

Wohl ist die Grenze zum Musical fließend

Gleich eingangs werden die zehn Männer von den vier Frauen zu einem Chor formiert, der Leonard Cohens wärmende Ballade „Dance Me Till The End Of Time“ singt. Damit ist ouvertürenartig umrissen, worum es in dem Stück geht. In der Welt ist auf nichts Verlass, wir aber suchen nach Erlösung in Form tragender Elemente, die unser Vertrauen rechtfertigen. Guy Weizman und Roni Haver bringen dafür den christlichen Begriff der Gnade ins Spiel.

Die so mitreißende wie harsche Holz-Perkussion des Komponisten Michael Gordon gibt den Takt vor. Eine blonde Tänzerin stimmt ein in mehrere Teile gestückeltes gesprochenes Lamento um den verlorenen Geliebten an. Die Gruppenszenen vermitteln mitunter den Eindruck von Stammesritualen. Eine Menge Humor ist mit im Spiel.

„Pinball and Grace“ will keineswegs das Leben als Jammertal schildern. Es zeigt vielmehr, wie die Menschen mit dem Zustand des Geworfenseins in die Welt und ihren Sehnsüchten umgehen. So tritt beispielsweise ein Sänger mit schmalzigem Italo-Schlager in Erscheinung. Der Mensch braucht eben trostspendenden Surrogate.

„Pinball and Grace“ ist der Komödie näher als der Tragödie. Tanzsprachlich ist dieses Stück nicht sonderlich aufregend, in der Summe aber gelungen.

Quelle: op-online.de

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