Kunstansichten

Jeden Tag ein Bild

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Zum Anbeißen frisch: Das Körbchen mit Erdbeeren hat Walter Stolz mit einer Grafik-App gestaltet.

Offenbach - Vom 26. bis 28. April öffnen Ateliers, Galerien, Ausstellungsräume und Museen anlässlich der Offenbacher Kunstansichten ihre Türen. Einige der Beteiligten stellen wir in loser Folge vor. Von Reinhold Gries

Das Gründerzeithaus der Friedrichstraße 16 in Offenbachs Innenstadt ist schon länger ein besonderer Ort, auch als in den Bäckereiladen und die große Backstube die Offenbacher Jugendkunstschule einzog. Seit 2010 lebt die Kunsttradition dank Galerist und Künstler Michael Peters und seiner „Peters’ Bakery“ neu auf. Die stimmungsvoll eingerichteten 220 Quadratmeter geben viel Raum für Kommunikation, Ausstellungen, Lesungen und Konzerte. Erstmals ist Peters nun mit der Schau „Vom Moment zum Augenblick“ bei den Kunstansichten dabei, gemeinsam mit HJÜ Neumann vom Offenbacher „Kesselhaus“ und Walter Stolz aus Niederroden.

HJÜ Neumann bringt täglich seine Miniaturen zu Papier.

„Ist das nicht schön hier“, sagt der Gastgeber beim Blick auf ineinander verschachtelte Häuserwände des Innenhofs, „das ist anders als in Frankfurt, typisch Offenbach.“ Sein Blick für Gebautes spiegelt sich auch in per Digitalkamera festgehaltenen Ausschnitten aus schottischen, niederländischen oder texanischen Städten wider. Es sind keine Postkartenmotive: „Ich sammle kleine Architekturen. Plötzlich und zufällig erkennt man sie als besonderen Ausschnitt. Ich suche sie nicht, sondern überlasse die Begegnung mit meinen Motiven dem Moment.“ Die bringt er mit Bunt- und Filzstift in fein abgestimmten Valeurs, Linien und Flächen auf mit Kreidegrund bestrichene, glattgeschmirgelte Holztafeln. Dabei kommt es zu konzentrierter Klärung der Formen und Quantitäten, Farbfelder und Kontraste, die in ihrer Reduktion etwas Kontemplatives haben.

Architektur setzt Michael Peters in reduzierte Farbflächen um.

Auch Peters’ Kollegen haben den Blick fürs Wesentliche. HJÜ Neumann bringt täglich mit dem Rapidographen eine untertitelte und datierte Miniatur in einem seiner Zeichenbüchlein unter, eine „selbstdisziplinierende Konstante“ zwischen vielfältigen Projekten. Bei seinen „Daily Papers“ folgt er wie einst André Masson dem Diktat des Unbewussten. Neumanns „Écriture automatique“ – auch Etüden zur Überprüfung der Tagesform – pendeln zwischen Abstrahiertem, Verspieltem und Gegenständlichem. Manche der spontan aufs Blättchen geworfenen und gerahmten Bildkürzel erinnern an das „disegno“ italienischer Meister, deren erste schöpferische Idee, die späteren Großkompositionen zugrunde lag. Die Liniengebilde, die Neumann für Plätze, Situationen und Menschen entwickelt hat, strahlen zuweilen den Charme von Paul Klees Bildformeln aus.

Auch bei Grafiker Walter Stolz ist es das kleinflächige Ipod-Medium, das ihn zu konsequentem und raschem Verarbeiten der Augenblicke zwingt. „Jeden Tag ein Bild“ heißt das Motto des Findigen, der den Bildaufbau mit passendem „App“ auf drei Ebenen realisiert. In die oberste skizziert er mit dünnen schwarzen Linien das Bildmotiv, in die unterste Ebene füllt er Farbflächen. Das eigentlich Malerische bringt Stolz in die mittlere Ebene durch modellierende Aufhellung und Abdunklung mit Licht- und Schattenwirkung und beschriftet dies. Was er als Kontrast zum „analogen Wahnsinn des gemeinen Buntstiftes“ ironisiert, sind frappierend schöne Impressionen, die man zu Niederröder Rapsfeldern, der Basilika in Seligenstadt oder der Frankfurter Skyline kaum gesehen hat. Die Delikatesse, mit der Stolz gotisches Strebewerk, bretonische Calvaires oder eine leckere Erdbeerschale ins Medium zaubert, kann beinahe süchtig machen.

Quelle: op-online.de

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