Judith Hermann liest aus ihrem neuen Roman „Alice“

Jeden Tonfall getroffen

Fünf Jahre liegen zwischen ihrem ersten Buch, „Sommerhaus, später“, und ihrem zweiten, „Nichts als Gespenster“. Bis zu ihrem dritten Erzählband, „Alice“, hat Judith Hermann sechs Jahre verstreichen lassen. Entsprechend ist der Andrang zur Lesung der 39-Jährigen im Literaturhaus Frankfurt.

Die hohe Natürlichkeit ihres Stils hat sich die Autorin auch persönlich bewahrt; obwohl sie durchaus Grund hätte, sich etwas auf ihren Ruf als personifiziertes Fräuleinwunder der jüngeren deutschen Literatur einzubilden. Es klingt indes so glaubhaft wie entwaffnend, wenn Hermann sich „überwältigt von der Größe des Hauses und von Ihrem zahlreichen Erscheinen“ zeigt. Und die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit: „Sie schreiben nicht nur großartig, Sie lesen auch großartig“, wird am Ende eine Zuhörerin sagen – und damit auf den Punkt bringen, was alle so empfunden haben.

Mit ihrem Debüt sei ein neuer Ton in die Welt gekommen, zitiert die Hausherrin Maria Gazzetti einen Kritiker. Und diesen Sound, der musikalische Qualitäten aufweist, trifft Hermann immer noch zauberleicht. Dabei hat sie sich eines ernsthaften Themas angenommen. Sterben in den fünf Geschichten um Alice doch ebenso viele Männer. Etwa Micha in dem Text, den sie vorträgt, eine knappe Stunde lang, klar und konzentriert wie ihre Sprache.

Mit einem kühnen „Aber Micha starb nicht“ hebt sie an. In der Folge umkreist ihre Prosa Gedanken und Gefühle der Titelfigur, die mal mit Micha zusammen war, und seiner Frau Maja. Beide besuchen ihn abwechselnd im Krankenhaus und kümmern sich um sein Kind. Wer aufgeregte Emotionen erwartet, sieht sich angenehm getäuscht. Wie stets bei Hermann ist auch nachvollziehbar, was nur angerissen wird. Eher beiläufig erfährt der Leser, dass Micha nach der Trennung von Alice sofort Maja kennengelernt hat ...

Das zentrale Ereignis bleibt ganz ausgespart: In der Nacht ist Micha gestorben, die Frauen wollen ihn nochmal sehen. Dann ist es Nachmittag, sie fahren getrennt zurück von Zweibrücken nach Berlin. Auf die Frage „Wieso Zweibrücken?“ lächelt Hermann sanft: „Vielleicht fand ich es ähnlich seltsam!“

MARKUS TERHARN

Quelle: op-online.de

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