Ein jeder auf seiner Bahn

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Josefin Platt und Andreas Uhse in der Inszenierung von Bettina Bruinier

Frankfurt - Flugs ist dieser Abend vorüber, nach gerade mal eineinviertel Stunden. Von Stefan Michalzik

Die Uraufführung im Februar an den Münchner Kammerspielen durch Johan Simons hatte drei Stunden gedauert, vor Wochenfrist brauchte Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater in Berlin genauso lange.

Nicht allein der Dauer nach wirkt der Zugriff von Bettina Bruinier, Hausregisseurin am Frankfurter Schauspiel, auf Elfriede Jelineks „Winterreise“ handlich. Strukturell betrachtet hat man es wie immer bei der Österreicherin Jelinek mit einem Prosatext zu tun, aus acht Teilen bestehend, im Druck 127 Seiten stark. Möge das Theater damit machen, was es wolle, hat die Nobelpreisträgerin über die szenische Umsetzung ihrer zur Lektüre ebenso tauglichen Werke gesagt.

Mit grafischer Strenge nehmen die vier nach einem Opernglas verlangend weit entfernten, anfänglich per Mikroport übertragenen Schauspieler eingangs ihre Posten in dem enorm tiefen Schlauch eines der Seitenschiffe des Bockenheimer Depots ein. Fragen über Fragen, von der Art: „Was ist überhaupt gemeint, wenn von mir die Rede ist?“ Der Boden (Bühne: Claudia Rohner) ist mit einem Schnee aus geschreddertem Papier und einzelnen intakten Bögen bedeckt, ein jeder bewegt sich schnurgerade auf seiner Bahn, vorwärts und wieder zurück, unter den Augen eines an der Rückwand sitzenden Quartetts von Doppelgängern.

Abgeschoben in die Psychiatrie

Mit einer empfindsamen Wut und einem kernig-rauen Organ spielt der rüstige Frankfurter Theaterveteran Wilfried Elste den Vater einer mit autobiografischen Spuren der Autorin ausgestatteten Familie. Der zum Lebensende hin gestrandete Wanderer ist von Mutter und Tochter getrennt, abgeschoben in die Psychiatrie. Überhaupt bleibt ein jeder für sich, mögen sie sich auch körperlich alle alsbald von ihren Bahnen im Raum lösen.

Vier miteinander verschnittene Monologe sind das. Schimäre bleibt der Dialog zwischen der Mutter, von der wienernden Lore Stefanek gezeichnet als sich damenhaft gebende Weißhaarige, und der von Josefin Platt ungeachtet einer unheilbaren Verletztheit handfest gezeichneten Tochter. Ein Pianist sitzt am biederen Klavier-Stilmöbel, an dessen Resonanzkörper ein Elektrokerzenlüster hängt, und stimmt die Melodien des Schubertschen Zyklus an, deren auf Wilhelm Müller zurückgehende Texte paraphrasiert werden; Platt singt verschiedentlich ein paar Zeilen in Chansonmanier; man tanzt zum Schluss im Walzertakt.

Weitere Aufführungen am 19., 21., 28. und 30. September. Karten unter s 069 212-49494

Untergründig vereint sind sie, sieht man von dem unter anderem als Zauberer in Erscheinung tretenden Libero Andreas Uhse ab, miteinander in Trauer und einem unendlichen Lebensschmerz, in Wut und Verzweiflung. Kein Ausweg, nirgends, bloß ein Ende im Tod, der Raum wird immer enger. Und als die Wand schließlich bis ans Bühnenportal vorgerückt ist, entstehen Momente eisiger Intimität.

Dieser Theaterabend ist hübsch mustergültig gearbeitet. Alles auf den Punkt, mit fabelhaften Schauspielern. Keine Irritation, keine Brüche. Bettina Bruinier ist Jelinek zu gut beigekommen – und damit eben auch wieder nicht.

Quelle: op-online.de

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