Jenseits der bekannten Schubladen

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Fensterbild des Glaskünstlers Chris Reinelt Fotos: R. Gries

Die Trennung in freie (Offenbacher „Kunstansichten“) und angewandte Kunst (Rumpenheimer „Kunsttage“) ist so nicht zu halten. Das zeigt die Gemeinschaftsausstellung der Rumpenheimer Künstlerkolonie in derSchlosskirche, bei der sich bekannte Aussteller mit neuen und Gastkünstlern mischen. Von Reinhold Gries

Welchen Stellenwert Malerei in Rumpenheim hat, zeigt etwa HfG-AbsolventinAndrea Plefka in figurativem Aquarell, bei dem reduzierte Formsprache Raum lässt für eigene Bilder im Kopf des Betrachters. Regina Bahmanns Gemälde „Aus dem Wasser kommt das Leben“ dokumentiert ihren fließenden Arbeitsprozess und spielt ebenso mit bildnerischen Mitteln wie das expressive Farbfeuerwerk Jörg Häuslers.

Hervorragend Maltechnik und Kolorit Margot Hochbergers im Acrylbild „Teichrosen“, das an der Orgelempore die Blicke auf sich zieht; eine sehr eigenständige Variation zu Monets Giverny-Bildern. Stark an französischen Impressionismus angelehnt wirkt die Rumpenheimer Mainlandschaft der aus Paris stammenden Malerin Jeanette Bruchet.

Gesamtdeutsch ist das Diptychon der in Halle geborenen Steffi Barthel. In beziehungsreicher Übermalung und Textur stehen ein Betender über dem Brandenburger Tor und eine FDJ-Rednerin einander gegenüber. Freie Malerei bieten die stilisierten Figurinen Christine Kirchhoffs und Bärbel Stoeckermanns sowie das großartig gemalte Aquarell Hayko Spittels.

Dann kommen Grenzgänger, die sich schwer in die Schubladen „Maler“ oder „Kunsthandwerker“ stecken lassen. „Einfach Kunst“ sind die Kalligrafien, Collagen und Aquarelle der HfG-Absolventin Hannelore Andree in der Loge. Die Stein-Schrift-Collage „Die Zeit ist nicht nur rund ...“ vor dem Altar profitiert von ihrer Mitarbeit in der Schreibwerkstatt Klingspor. Aus deren Hoefer-Archiv ist auch das wundervolle Vaterunser-Schriftblatt von Alan Blackman aus San Francisco gekommen. Man sieht: Offenbach ist immer noch ein Zentrum der Kalligrafie.

Scheinbar in der Fläche bleibt Lucie Heirichs großformatige Fotografie aus der Serie „Spiegelungen“. Ihr gekonntes Umspringen mit Perspektiven öffnet neue Räume.

Drei „Märchen-Tatorte“ der Designerin Birgit Palt

Die Grenzen zwischen Skulptur, Objektkunst und angewandter Kunst werden immer fließender. Künstlerischen „Bankgeheimnissen“ widmen sich HfG-Designerin Jutta Hingst und Wilma Roth. Hingsts Farbradierungen leben von ihrem expressivem Strich und ihrer souveränen Drucktechnik. Roths köstliche Skulptur „Für Wucherer“ verblüfft durch Betonguss und virtuoses Gestalten mit Textilien. International bekannt ist „Lord of Stones“ Wolfgang Uhl, Grenzgänger zwischen Schmuckdesign und Objektkunst. Diesmal hat er eine „Steintasche“ mit Metallgriffen auf eine Stele gewuchtet.

Gemeinschaftsausstellung der Rumpenheimer Kunsttage in der Schlosskirche:

Geöffnet bis Freitag täglich, 9 bis 14 Uhr

Zu beneiden ist Rumpenheim um Designerin Birgit Palt, die in fantasievollen „Märchen-Tatorten“ pfiffige Synthesen aus Porzellan und Glas findet, die an Charme und Witz kaum zu übertreffen sind. Eine singuläre Erscheinung ist Glaskünstler Chris Reinelt, dessen „heiß gemalte“ Schalen und Fensterbilder in „gekämmter“ Glasfusing-Technik hierzulande kaum jemand nachmachen kann.

Originell endet der Gang durch die örtliche Kunstszene mit Einblicken in die Installation „Der süße Wolf – Zeit ist eine Himbeertorte“. Sabine Pabst hat vierlagige Softis mit Stickereien versehen und die Arbeitsstunden dazugeschrieben. Die von Daniel Perez installierte elektronische Countdown-Uhr nullt die Rumpenheimer Kunsttage genau auf Tag, Stunde, Minute und Sekunde. 

Quelle: op-online.de

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