Stahlknäuel mit besonderer Aura

+
John Chamberlain, „Wildroot“, 1959, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt

New York (cm/dpa) - Der jetzt im Alter von 84 Jahren gestorbene New Yorker Künstler John Chamberlain war in der Region kein Unbekannter. Seine unverwechselbaren Skulpturen aus Autoteilen sind vor allem Besuchern des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) geläufig

In dessen Sammlung und Ausstellung haben Chamberlain-Werke einen festen Platz. Und ins Auge fallen: Sie sind von einer eigenen Aura umgeben und strahlen einen besonderen Reiz aus.

Bereits in den späten 1950er-Jahren hatte er erste Skulpturen aus Autoteilen geschaffen. Für die oft über meterhohen Gebilde bediente sich Chamberlain unter anderem an ausrangierten Cadillacs, Motorteilen, Stahlresten oder Gummi und schaffte es trotz der widerspenstigen Materialien, die Kunstwerke an Körper, Vögel, Bäume, Schiffe oder Blumen erinnern zu lassen.

Sein Drang, mit dem traditionellen Begriff der Skulptur zu brechen und die Grenzen zwischen Gebilde und Malerei verschmelzen zu lassen, begleitete sein Schaffen. „Eine Skulptur ist etwas, das bricht, wenn es dir auf die Füße fällt“, erklärte Chamberlain laut der „Times“ in einem Interview. Seine Werke waren stattdessen wuchtige, schwere Konstrukte. Chamberlain kritisierte oft die Interpretationswut der Betrachter und wollte seine Kunst nicht erklären. „Jeder will immer wissen, was es bedeutet“, sagte er nach Angaben der „Times“. „Selbst wenn ich es wüsste: Ich wüsste nur, was ich denke, dass es bedeutet.“

„Kline gab mir die Struktur. De Kooning die Farbe“

Chamberlain war von 1955 bis 1956 am Black Mountain College in North Carolina eingeschrieben, wo ihn Künstler und Poeten wie Robert Creeley, Charles Olson und Robert Duncan inspirierten. Anschließend zog er nach New York, verkehrte mit Malern, Schriftstellern und Bildhauern. Als seine Einflüsse nannte er oft Franz Kline und Willem de Kooning, Vertreter des Abstrakten Expressionismus. „Kline gab mir die Struktur. De Kooning die Farbe“, so Chamberlain.

Mit seiner Schweißtechnik setzte Chamberlain Bilder des Abstrakten Expressionismus in Gebilde um. Als Werkzeug diente dem Künstler eine Schrottpresse, mit der er Metallteile faltete, bog und anschließend wie Puzzleteile zusammensetzte.

Ende der 1960er wagte der Künstler einen Ausflug in die Filmwelt und produzierte „The Secret Life of Hernando Cortez“, den er mit den Warhol-Bekannten Taylor Mead und Ultra Violet drehte. Im Sommer waren zwölf seiner Metallwerke im Rahmen der Ausstellung „Curvatureromance“ in der Münchner Pinakothek der Moderne präsentiert worden.

Verweis auf verdrängte Hinterlassenschaften einer auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft

Das Frankfurter MMK gelangte mit der Übernahme der Sammlung des Darmstädters Karl Ströher in den Besitz von drei Plastiken des documenta-Teilnehmers (1982), die den Umgang mit unterschiedliche Materialien dokumentieren. Das frühe Werk „Wildroot“ (1959), aktuell in der Ausstellung zu sehen, besteht ausschließlich aus Autokarosserieteilen und steht stellvertretend für Chamberlains Eisenplastiken, die als Verweis auf verdrängte Hinterlassenschaften einer auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft gelesen werden können und in denen man „die Schönheit des eigentlich Hässlichen“ erkennt, wie es im MMK-Katalog „Bilder für Frankfurt“ (1985) heißt.

Textilien und Metall verarbeitete Chamberlain 1963 zu „Untitled“, das wie „Funburn“ (1967) aus der für die MMK-Gründung maßgeblichen Ströher-Sammlung stammt. Durch Kordelschnürungen verwandelte Chamberlain eine Schaumstoffmatratze in ein Kunstobjekt. Eigene Ankäufe des MMK sind ein Ausstellungsplakat sowie die 1982 entstandene und 1993 erworbene, formal stark reduzierte Skulptur „Wonkong Melong“ aus bemaltem Stahl, Chamberlains Credo folgend: „Spitzfindige Materialien und komplexe Systeme sind nicht notwendigerweise gute Gestaltungsmittel für die bildende Kunst, denn Kunst ist etwas Einfaches und je einfacher das Ausdrucksmedium ist, desto weniger muss man sich anstrengen, um den eigentlichen Inhalt des Kunstwerkes zu erfahren.“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare