Unbeschwerter Belcanto

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Ein Nickerchen in Ehren – und vor aller Augen: Julie Davies setzt als Darmstädter Amina sängerische Glanzlichter.

Darmstadt - Eine krude Geschichte mit Tendenz zur Seifenoper im Belcanto-Gewand hat Vincenzo Bellini mit seiner 1831 in Mailand uraufgeführten „Nachtwandlerin“ vertont. Von Axel Zibulski

In „La Sonnambula“ scheinen die Heiratspläne des reichen Gutsherrn Elvino und der mittellosen Amina bereits geplatzt zu sein. Schließlich hat man die Braut alleine schlafend im Bett des unerkannt heimgekehrten Grafen Rodolfo gefunden. Diese Situation will erklärt sein. Doch da schlafwandelt Amina wieder – nun vor den Augen des ganzen Schweizer Dorfes, in dem sie lebt.

Ein wenig lichter wirkt die Handlung, wenn man im Schlafwandeln ein romantisches Symbol für Unberührtheit sieht. Auf der Bühne im Staatstheater Darmstadt lassen Bett, Tür und Fenster ohne Wände Privates und Öffentliches ineinander verschränkt erscheinen. Ausstatter Dirk Hofacker koloriert mit einem steil aufragenden Matterhorn-Bild im Hintergrund den letztlich austauschbaren Spielort (mit einem adligen Grafen in der Schweiz!), davor zieren stilisierte, bunt geschwungene Gipfelketten die Szene. Auf humorvolle Distanz zum Sujet geht sanft auch Regisseur John Dew, der mit „La Sonnambula“ eine der amüsanteren, lebendigeren Arbeiten seiner 2014 endenden Darmstädter Intendanten-Jahre vorlegt.

Es mag freilich genügen, einen unbeschwerten Rahmen für Bellinis Belcanto-Romantik zu setzen. Musikalisch gehört die in Darmstadt auf Italienisch gesungene „Sonnambula“ zu den Opern-Preziosen, die Maria Callas in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts fürs Bühnenrepertoire zurückerschlossen hat. Vom Stereotyp der armen, reinen, wahrhaft liebenden Frau führen Bellini und sein Librettist Felice Romani die nachtwandelnde Amina dabei weit fort. Sopranistin Julie Davies nahm diese Herausforderung in der Premiere am Staatstheater mit großer Souveränität an, leuchtete die Titelpartie nicht nur mit brillanter Technik, sondern mit dramatischem Fundament und großer Ausdruckstiefe exzellent aus. Die ihr von Bellini nachgeordnete „seconda donna“ der Dorfwirtin Lisa war bei Margaret Rose Koenn ebenfalls gut aufgehoben, mit ihren leicht und perfekt hingetupften Spitzen und ihrer quirligen Bühnenerscheinung fügte sie sich vorzüglich in Dews heiteres Schweiz-Idyll ein, in dem das Dorfvolk noch spielopernhaft leichtgläubig sein und der Notar zwischendrin einschlafen darf.

Nächste Aufführungen am 14., 21., 26. und 29. Juni sowie am 4. Juli.

Überhaupt geht’s bei den Herren ein wenig bodenständiger zu: Als Graf Rodolfo hat Wilfried Zelinkas Bass das Rustikale schnell verinnerlicht, während Randall Bills die extrem anspruchsvolle Tenor-Partie des brüskierten Bräutigams Elvino ganz überwiegend sicher stemmt. Bis sich am Ende alles in Erkenntnis und Glück auflöst, erleichtern Kapellmeister Elias Grandy und das im erhöhten Graben einfühlsam, sanft-flüssig begleitende Staatsorchester Darmstadt den Sängern vieles. Einzelne Tempodifferenzen zwischen Bühne und Graben sollten sich in den Folgevorstellungen bald auflösen.

Quelle: op-online.de

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