Geschichte verknüpft mit Figuren

Frankfurt - Ungerührt vernimmt Josef Bierbichler das Loblied seiner Eigenartigkeit. Eher stört den Schauspieler das Klacken der Kameras. Von Markus Terharn

Ins Literaturhaus Frankfurt hat Leiter Hauke Hückstädt den 63-jährigen Film- und Bühnenstar als Autor des späten Romandebüts „Mittelreich“ eingeladen. Und das Publikum im ausverkauften Saal erlebt großes Kino.

Nicht dass ein erfahrener Mime zwangsläufig besser läse! Bierbichler, den massigen Kopf in die klobige Faust gestützt, murmelt mit leichter bairischer Färbung ins Mikro, verspricht sich gelegentlich. Aber er hat seine Zuhörer gut im Griff. Gebannt verfolgen sie, wie er deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit der ihm vertrauten Welt eines Voralpensees verknüpft. Da ist der Postbote, der 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs einen 20-Zentner-Stier ins Boot wuchtet; der Knecht, der 1967 aus Angst vor einer Revolution seine Ersparnisse von 128.524 D-Mark zu Gold macht (womit er nur „mittelreich“ ist); oder die Bäuerin, die in der Nach-NS-Zeit ein aus der Jauchegrube gerettetes Entlein tötet, rupft und für ihre Gäste brät.

Woher er denn die Figuren schöpfe, möchte Moderatorin Sandra Kegel wissen. „Meine Fantasie“, dröhnt Bierbichler unter Gelächter. Die tapfere, mäßig vorbereitete Literaturjournalistin ist um ihre Aufgabe nicht zu beneiden – der Mann legt jedes Wort auf die Goldwaage. Aber er beweist Selbstironie. Da er im Hauptberuf „mit ganz wenig Arbeit unglaublich viel verdiene“, habe er Zeit zum Schreiben. Hoffentlich noch öfter...

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild/dpa

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