Judith Butler erhält den Frankfurter Adorno-Preis

„Streitlust ist Teil jüdischer Tradition“

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Die US-Philosophin Judith Butler

Frankfurt - Trotz Protesten erhält die amerikanische Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Judith Butler nächsten Dienstag den Adorno-Preis 2012. Von Sandra Trauner

Ihre Rede wird mit Spannung erwartet, denn im Vorfeld hatte es gewaltig gekracht: Der Zentralrat der Juden in Deutschland warf der – ebenfalls jüdischen – Intellektuellen vor, sie rufe zum Boykott gegen Israel auf und halte Hamas und Hisbollah für legitime soziale Bewegungen. Ein Missverständnis, sagt Butler.

Die Auszeichnung ist mit 50.000 Euro dotiert und wird seit 1977 alle drei Jahre von der Stadt Frankfurt vergeben. Geehrt werden hervorragende Leistungen in Philosophie, Musik, Theater und Film.

Zentralrat störte sich an Äußerungen zur Situation im Nahen Osten

Das Kuratorium hatte sich im Mai für Butler ausgesprochen. Sie sei „eine der maßgeblichen Denkerinnen unserer Zeit“. Die 56-Jährige lehrt Rhetorik und Literaturwissenschaft an der University of California in Berkeley. „Für Fragen über Identität und Körper sind ihre Schriften maßgeblich und werden weltweit rezipiert“, erklärte das Kuratorium damals.

Der Zentralrat störte sich an Äußerungen Butlers zur Situation im Nahen Osten: „Eine bekennende Israel-Hasserin mit einem Preis auszuzeichnen, der nach dem großen, von den Nazis als ,Halbjude’ in die Emigration gezwungenen Philosophen benannt wurde, kann nicht als bloßer Fehlgriff gelten“, erklärte Generalsekretär Stephan J. Kramer. „Nur ein Kuratorium, dem die für seine Aufgabe erforderliche moralische Festigkeit fehlt, konnte Butlers Beitrag zur Philosophie formvollendet von ihrer moralischen Verderbtheit trennen.“ Dem Kuratorium gehörten neben der Schriftstellerin Marlene Streeruwitz unter anderem der Nachfolger auf dem Lehrstuhl Adornos, Axel Honneth, und der Philosoph Rainer Forst an. Beide wollten sich nicht öffentlich äußern.

Butler rief ihre Kritiker zum Dialog über die Politik Israels auf

Streeruwitz verwahrte sich in einem Radio-Interview gegen den Vorwurf, dem Kuratorium fehle es an moralischer Festigkeit: „Ich finde es einfach eine maßlose Feststellung, und ich stehe davor und staune.“ Butler bekomme den Preis „für ein Riesenwerk und eine Stellungnahme zur Welt, die sehr komplex und differenziert“ sei. Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) bekräftigte, die Stadt stehe hinter der Entscheidung.

Butler selbst antwortete in einem Essay, der zeitgleich in zwei Zeitungen erschien. Darin rief sie ihre Kritiker zum Dialog über die Politik Israels auf. Sie verstehe sehr wohl, „warum viele Juden und insbesondere deutsche Juden sehr abwehrend auf jedwede Kritik am Staate Israel reagieren“. Die Vorwürfe seien aber unzutreffend: „Ich habe weder Hamas noch Hisbollah jemals unterstützt.“ Äußerungen bei einer Diskussion seien aus dem Zusammenhang gerissen, „im Ergebnis kam es zu einer völlig verzerrten Darstellung meiner Haltung.“ Sie nehme den Angriff nicht persönlich, „vielmehr richtet er sich gegen alle, die Israel und seine gegenwärtige Politik kritisch beurteilen“, schrieb sie. „Vielleicht wäre aus dem ,Streit’ um meine Ansichten zu lernen, dass Juden einfach komplizierte Menschen sind, dass sie nur selten miteinander übereinstimmen, dass ihre Streitlust Teil einer wertvollen talmudischen Tradition ist (...).“ Mehr als 1 000 Menschen haben inzwischen eine Online-Petition pro Butler unterschrieben.

dpa

Quelle: op-online.de

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