Die Jugend, sie kommt nicht wieder

Es ist gelaufen. Nun geht es ums Wundenlecken in Frankfurt. Suhrkamp, verlegerisches Zentrum der als Frankfurter Schule in die Geistesgeschichte eingegangenen Denkrichtung, zieht nach Berlin. Die Hauptstadt hat mit guten Konditionen um den Verlag geworben, und mit einem schmucken Gebäude. Frankfurt konnte da nur noch schäumen.

Sich darüber echauffieren, dass die notorisch klammen Berliner ihren Coup mit Geld aus dem Länderfinanzausgleich finanzieren – in den das wirtschaftsstarke Hessen hineinbuttert. Und Ulla Unseld-Berkéwicz, Witwe von Verleger-Legende Siegfried Unseld, ist manch einem ohnehin ein willkommenes Opfer zum Abwatschen. Weil sie angeblich das Erbe nicht angemessen weiterzuführen weiß.

„Frankfurt ohne Suhrkamp – na und?“ Die trotzig-provokante Frage stand über einer Podiumsrunde im Literaturhaus. Der Saal war gut besetzt. Schon mal der erste positiv stimmende Indikator: Ein Interesse an einer literarischen Öffentlichkeit in Frankfurt besteht. Den Verlust der eigenen Jugend beklagten auf dem Podium unisono die Schriftstellerin Eva Demski und der Kritiker Martin Lüdke, beide der Generation der 68er zugehörig, die wesentliche Impulse aus den Gedanken von Theoretikern der Frankfurter Schule wie Adorno und Horkheimer bezogen. Derweil Adorno die Protestler mit einer an Befremden grenzenden Distanz betrachtete.

Adorno und Horkheimer, Institut für Sozialforschung, kritische Theorie – und eng damit verknüpft das, was man einmal die „Suhrkamp-Kultur“ nannte, gefasst in den nach der Ordnung der Regenbogenfarben erscheinenden Bändchen des Gestalters Willy Fleckhaus: Alles Insignien einer großen Vergangenheit, die – allerspätestens – mit dem Ende der 80er Jahre den Charakter eines abgeschlossenen Sammelgebiets angenommen hat. In bedeutungswollendem Ton gern noch in Grußworten beschworen. Und Suhrkamp, der einstige Mythos, ist in der Normalität eines literarischen und wissenschaftlichen Verlags angekommen.

Die Frankfurter Schule aber ist ein Fall für die Backlist, ähnlich wie Klassiker von Goethe bis Brecht. Und am Ende ist es egal, wo die Bücher produziert werden, für den Verlag jedenfalls. Wo es keine Frankfurter Schule mehr gibt, ja selbst die sich auf die erste beziehende Neue Frankfurter Schule um humorige Schriftsteller und Zeichner reif fürs Museum ist, ist auch das einst Kulturgeschichte schreibende Verlagshaus nicht mehr an ein bestimmtes Umfeld gebunden. Eine Bankenkrise hätte es gar nicht erst gebraucht, um die Notwendigkeit einer kritischen Betrachtung gesellschaftlicher Vorgänge zu erkennen. Eine allerneueste Frankfurter Schule allerdings ist weit und breit nicht in Sicht – und die Suhrkamp-Lektoren dürften schwerlich zu Geburtshelfern einer Berliner Schule werden.

Der Weggang von Suhrkamp setzt nur das späte Siegel auf etwas, das schon lange gelaufen ist. Bundesweit spielt Frankfurt längst keine prominente Rolle mehr als Stadt des Geistes. Das schulfreie Frankfurt ist das Paradoxon einer Weltstadt mit Provinzcharakter. In der sich gleichwohl zwischen For sythe Company, Ensemble Modern, Schauspiel, Oper und Mousonturm viele interessante kulturelle Entwicklungen abspielen.

In die Stadt hinein gewirkt hat Suhrkamp zuletzt kaum noch. Die Präsenz von Literatur über die Buchmesse hinaus ist längst eine Sache von Orten wie dem Literaturhaus, der Romanfabrik und des Hessischen Literaturbüros geworden. Suhrkamp wird ohne Frankfurt leben können. Und Frankfurt ohne Suhrkamp. Ach, die Jugend, sie kommt nicht wieder ...

STEFAN MICHALZIK

Quelle: op-online.de

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