Bernsteins, Weigls und Weinbergs „Gegenwelten“ in Offenbach

Junge und alte Wilde

Monumentale Malerei von Martin Hakan Weigl

„Junge Wilde“ nannte man die Kölner und Berliner Protagonisten figurativer Kunst, die durch radikale Ausschöpfung malerischer Mittel, aggressive Farbigkeit und konsequente Gegenständlichkeit erweiterte Aktionsfelder erschloss. Wie diese „heftige Malerei“ nach wie vor aufwühlt, zeigt die Ausstellung „Gegenwelten“ in Offenbachs Haus der Stadtgeschichte.

Alter ist für den über 80-jährigen deutsch-jüdischen Maler Max Weinberg ein relativer Begriff. In seiner Kunst scheint er ewige Jugend gepachtet zu haben. Seine 1987 mit dem Senefelder-Preis ausgezeichnete Figurenwelt sorgt gerade bei jungen Leuten für Entzücken, seine kleinformatigen Malcollagen und Graffiti wie seine „megafetten Schinken“ entziehen sich allen Kategorien. Da begegnen einem ungeheure „Weiber“ mit drei bis fünf Augen, drei und mehr Beinen, Krakenarmen und drei bis sieben Brüsten.

„Überirdisch“ nennt er oft alptraumhaft wirkende, kopulationsfreudige weibliche Wesen, die sich wie bei Hieronymus Bosch übereinander stapeln. Weinbergs „Apokalypse now“, mit schwarzer Fugendichtung, aufgespraytem Pink und giftigem Grün ins Bild gesetzt, zeigt, wie geläufig diese Abgründe dem vor dem Holocaust Geflohenen sind.

Fast scheint es, als würde Weinbergs Frankfurter Atelierkollege Martin Hakan Weigl seinem Vorbild nacheifern. Auch seine Monumentalbilder springen einen regelrecht an. Aber verspielt wirkt da nichts, mit der ätzend auf die Leinwand gesetzten Gesellschaftkritik ist es dem 33-Jährigen ernst. Schmierige Figuren versinken im Sumpf, kapitalgesättigte Hochhäuser wackeln wie Pappwände, Bomben paradieren in Pink, Kameras beobachten alles. Bücherverbrennung, Gehirnwäsche, Naturzerstörung und der „Tanz um das Goldene Kalb“ sind für ihn eins. Daneben frönt Weigl seiner Leidenschaft für die antike Mythologie. Die in Grau und Schwarz gemalte Serie „Reite den Pegasos“ gleicht einer Geisterfahrt.

Wer dem Provo-Hackebeil entkommen will, findet bei den Kompositionen des gebürtigen St. Petersburgers Costa Bernstein Gelegenheit. Allerdings beeindruckt auch dessen Vita zwischen russischen Akademien, israelischem Grafikdesign und therapeutischer Arbeit mit Terroropfern. Zeichnerisch gut vorbereitete, in Mischtechnik auf Papier gesetzte Motive wie „Sushibar“, „Pianist & die Musen“, „Reise nach Jerusalem“ und „Cash Point“ sind keine Fantasiegebilde.

Ausgereifter Malgestus und findungsreiche Collagen täuschen nicht über harte, selbst erlittene Realität hinweg. Bernstein erfasst den Menschen oft in erdigen Tönen. Farbigkeit überschreit nicht die expressiv überspitzten Figurengruppen, mehr Nachdenklichkeit als Schrecken verbreitend. Das steigert die Wirkung der gesamten ungewöhnlichen Schau. R. GRIES

P„Gegenwelten“, 5. bis 27. September im Haus der Stadtgeschichte. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag, Freitag 10 bis 17, Mittwoch 14 bis 19, Samstag und Sonntag 11 bis 16 Uhr.

Quelle: op-online.de

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