Ein Junge aus Lohwald

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Ex-Fußballer auf der Couch: Jimmy Hartwig, gespielt von ihm selbst, lässt sich vom Psycho-Doktor (Thomas Thieme) therapieren.

„Ich kenne mich in Offenbach gar nicht mehr aus: Hat sich alles verändert!“ Ist ja auch lange her, dass Jimmy Hartwig im Lohwald aufwuchs und am Bieberer Berg zum Fußballer reifte. Den Weg ins Capitol findet er trotzdem – und wird vom Publikum gefeiert, wie es seinen geliebten Kickers derzeit verwehrt bleibt... Von Markus Terharn

„Die Legende auf der Couch“ heißt das Stück von Thomas Potzger, das sich als „medizinisches Experiment“ versteht. In öffentlicher Sitzung lässt Hartwig sich therapieren. Aufzuarbeiten ist da einiges: Kindheit im Problemviertel als unehelicher Sohn eines farbigen US-Soldaten, Aufstieg zum Bundesligastar, Krebs, Koks, Verlust des Vermögens und Umsatteln auf Schauspielerei. Und der Patient ist der Traum eines jeden Therapeuten, plapperfreudig und schonungslos offen.

Für sein Heimspiel hat Hartwig den Text noch stärker auf Lokalkolorit getrimmt. Hier wissen die Leute, wovon er spricht, kennen die Schauplätze. Die Kirschenallee, wo er mit strenger Mutter in einer Schlichtwohnung lebt. Die Mühlheimer Straße, wo er von Gleichaltrigen verprügelt wird. Die Friedrich-Ebert-Schule, wo eine Lehrerin ihn drangsaliert. Das Stadion, wo Trainer Kurt Schreiner sein Talent fördert und die Mitspieler den Eigensinnigen zum Teamplayer erziehen.

Hartwig babbelt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist

Hier kann Hartwig babbeln, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund. „Klare, starke Sätze, keine Poesie“ fordert der Doktor von ihm. Das ist eine Qualität dieses Abends von der Länge eines Fußballspiels ohne Pause. Alles klingt spontan, direkt, geradeheraus. Sicher stellt Hartwig „nur“ sich selbst dar. Aber so, wie er das tut, ist klar, dass er echte mimische Begabung besitzt. „Ich wollte immer ein Clown werden“, erzählt er mal. Das hat in gewisser Weise geklappt.

Wie im Sport geht Hartwig dahin, wo es wehtut. Steigert sich in Wutausbrüche bis hin zu Mordfantasien. Berichtet von Strahlen-und Chemotherapie. Eigentlich ist alles ganz furchtbar. Aber sein Humor, sein Hessisch machen es erträglich. Den Hirntumor wertet er als Beweis dafür, „dass ich was in der Birne hab“. Durch ihn hat der 56-Jährige sogar zu Gott gefunden. Sein Lebensmut steckt an. Wer will, kann dieses Werk auf zwei Merksätze verkürzen: Männer, geht zur Vorsorge! Und: Hände weg von Drogen!

Bühnenpräsenz erfordert einen starken Gegenpart

Dazwischen geschnitten sind Stationen von Hartwigs Karriere: OFC, Osnabrück, 1860 München, HSV, Köln, Salzburg, Homburg. Dreimal deutscher Meister, zwölf Länderspiele. Erinnerungen an berühmte Kollegen: Felix Magath, Toni Schumacher. Gescheiterte Trainerlaufbahn in Leipzig. Im Eklat geendete Moderatorentätigkeit für DSF. Kein Wort indes über seinen Aufenthalt im RTL-„Dschungelcamp“.

Hartwigs Bühnenpräsenz erfordert einen starken Gegenpart. Den verkörpert das Schauspiel-Schwergewicht Thomas Thieme, der ihn aufstachelt, seine Gefühle rauszulassen, und ihn danach wieder runterholt. Er schafft das mit minimalistischer Mimik und hoher sprachlicher Natürlichkeit sowie verhaltener Ironie. Dass sich Hartwig gegen diesen erfahrenen Theatermann behaupten kann, ist ein weiterer Beweis seiner Qualität. Der Beifall ist lang.

Quelle: op-online.de

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