Mensch und Instinkt

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Justine Ottos „Zähne und Klauen“, 2008, Öl auf Leinwand, 119 x 140 cm, Sammlung Hense, Bochum

Aschaffenburg - Das blonde Mädchen mit den blauen Augen hält dem Betrachter rotlackierte Fingernägel entgegen, die wie Krallen wirken. Wolfshunde mit furchterregenden Eckzähnen hält eine junge Frau so, als würde sie diese jeden Moment auf den Betrachter loslassen. Von Reinhold Gries

Herangezoomt ist eine junge Frau mit Pelzjacke über blutrotem Kleid, die ins Leere schaut, während ein toter Wolf auf dem Boden liegt. Eine weitere Blonde sitzt im Gebüsch und pflückt bunte Vögel, von denen einige auf ihre Halskette gefädelt sind.

Es ist starker Tobak, was Justine Otto auf malerischen Großformaten in Aschaffenburgs Kunsthalle Jesuitenkirche verabreicht. Sie wandelt zwischen Schönheit und Horror, Anziehung und Entsetzen. Die nuancenreichen und farbkräftig gemalten Körper- und Gesichtslandschaften sind inszeniert, aber auch lebensnah. „Surrealismus“ ist das weniger, was die 1974 im Zabrze geborene Hamburgerin, einstige Frankfurter Bühnenmalerin und Städel-Meisterschülerin, mit „Zähnen und Krallen“ vorstellt. Ihre Modelle dirigiert sie wie eine Regisseurin, zu einem Drehbuch, dessen Handlungsfaden zwischen Hunden und Wölfen, Bäumen und engen Innenräumen freilich rätselhaft bleibt. Ihr altes Thema, die Unsicherheit junger Frauen, scheint durch.

Dahinter tanzt der Bär

Provokant bis artistisch ist es auch, wie in „Halbpension“ eine Akteurin in Unterwäsche, kopfunter auf einem Stuhl balancierend, ihre nackten Beine nach oben reckt, um mit den Zehen eine Partykette hochzuhalten. Dahinter tanzt der Bär. In „declare independence“ nestelt eine leicht gewandete Protagonistin mit Schweißerbrille mit einem OP-Besteck am Vorzeitgerippe. Abgründe tun sich auch bei blumenbekränzten Mädchen in weißen Kleidern auf, die auf in Bänder verbissene Hunde herabsehen. Dazu passt, dass Ottos Ölgemälde „Schwestern III“ und „Blutsverwandtschaft“ nicht mit Schnittverletzungen sparen oder dass in „zeit für plan b“ Frauen in weißen Kitteln unter Föhnhauben an einer stacheligen Riesenkastanie tätig sind. Friseursalon oder Genlabor, das ist hier die Frage.

Doppelbödig auch das Panorama „gesangverein liederkranz“, in dem es zwischen Trophäen, Präparaten und braunen Gestalten nicht nur ums „deutsche Liedgut“ geht. Auch beim Betrachten des grauen Klassenzimmerbildes „der streber“ kann manchem das Blut in den Adern gefrieren. Selbst die gefühlte Temperatur grünender Landschaften liegt kaum über der Nullgradgrenze.

Freilegung der Raubtierinstinkte

Als Schlüssel für solche Werke können auch „Zähne und Klauen“-Kurzgeschichten von Ottos Lieblingsautor T.C. Boyle dienen. Darin geht es, inmitten phobischer US-Gesellschaft, um Freilegung der Raubtierinstinkte in scheinbar vernunftbegabten Menschwesen. Justine Otto verfolgt ähnliche Strategien. Im Niemandsland zwischen Wildnis und Zivilisation zieht die Verletzliche wie Verletzende den Betrachter tief in ihre Visionen und Ängste hinein, um den Nerv unserer Zeit zu treffen.

‹ „Zähne und Krallen – Justine Otto“ bis 8. Juli in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg. Geöffnet: Dienstag von 14-20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag von 10-17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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