„The Turn of the Screw“ in Darmstadt

Kammeroper als Schauermärchen

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Wie im Horrorfilm: Anja Vincken als Miss Jessel

Darmstadt - Hautnah lässt sich in den Kammerspielen des Staatstheaters Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ verfolgen. Denn im Tiefgaragen-Geschoss hatte die 1954 entstandene Kammeroper mit dem so schwer übersetzbaren Namen jetzt Premiere. Von Axel Zibulski 

Die wörtliche Bedeutung, „Die Drehung der Schraube“, deutet den unentrinnbaren Sog zumindest an, dem die Waisenkinder Flora und Miles auf einem englischen Landgut ausgeliefert scheinen. Wie Dämonen begegnen ihnen dort Quint und Miss Jessel, zwei als Untote herumstreifende frühere Bedienstete des Hauses. Der sexuelle Missbrauch des Jungen Miles durch den Diener Quint wird angedeutet. In den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt ist das Stück in deutscher Übersetzung zu erleben, die neue Gouvernante des Landsitzes erlebt in Lothar Krauses Inszenierung alles wie in sehr wörtlicher Nacherzählung. Obwohl Britten doch nicht einmal klar entscheidet, ob das dunkle Geschehen vielleicht nur ihrer Fantasie entsprungen ist.

In Darmstadt schabt ein Erzähler erst einmal gemütlich Staub vom Wandbild und zieht eine Decke vom kaputten Flügel. So nämlich hat Ausstatterin Nora Johanna Gromer die Einheitsbühne gestaltet, mit Sessel und durchbrochenen grünen Wandelementen, zwischen denen sich locker auch ein Boulevard-Stück spielen ließe. Nur: Das ist Brittens Kammeroper wirklich nicht - samt ihren Fragen um Schuld, Unschuld und Verlust der Unschuld, erst recht mit ihrem 1954 zwingend verklausulierten Kreisen um das Thema der Pädophilie. In Darmstadt steigen der Geist Quints und der Junge Miles zwischenzeitlich einmal in den Resonanzraum des Flügels. Deckel zu, Deckel auf. Unempfindsamer lässt sich das sonst von Jung-Regisseur Lothar Krause verschwiegene Thema kaum streifen. Auch sonst scheint dem jungen Regisseur jegliches ästhetische wie intellektuelle Konzept zu fehlen. Mit einer im Rollstuhl fahrenden Haushälterin Mrs. Goose (Elisabeth Auerbach), Grusel-Blut an den Wänden oder einem Messer in der Puppe des Mädchens Flora schaut alles arg nach einem Schauer-Abenteuer im Stil der „Drei Fragezeichen“ oder der „Fünf Freunde“ aus.

Yoko Ono in der Schirn

Yoko Ono in der Schirn

So nah am Spiel und doch so fern den Tiefen des Stücks lässt sich auch die musikalische Seite nur selten erhellend verfolgen. Susanne Serfling deckt die Unsicherheiten der Gouvernante mit opernhafter Dramatik zu. Und das kleine Orchester mit seinen 13 Musikern müsste unter der Leitung von Michael Cook bei aller leitenden Präzision häufig dezentere Töne anschlagen. Die tatsächlich jungenhafte Sopranistin Aki Hashimoto in der Hosenrolle des Miles, auch Samantha Gaul als dessen Schwester Flora haben ihre Partien immerhin tief verinnerlicht, und Ansätze eines Seelenporträts zeichnet zumindest Lasse Penttinen als Prolog-Erzähler wie als maskulin-dämonischer Quint. Viel Applaus.

Quelle: op-online.de

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