Kante für Kante Kunst gearbeitet

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Schlüsselwerk aus Offenbacher Zeit: „Sitzende“ von 1948.

Einen besseren Platz als im Frankfurter Karmeliterkloster hätte man für Hans Steinbrenners Skulpturen aus Holz, Bronze, Sandstein und Muschelkalk kaum finden können. Von Reinhold Gries

Die aus schönen Kuben gefügte „Liegende Figur“ von 1986/93 gegenüber der dichtgedrängten Würfelfigur von 1964; die vegetativ verschlungene Bronze „Turm der Kreatur“ von 1959 mit der sich gnomenhaft duckenden Sandstein-Figur „Nöck II“ unter dem Magnolienbaum; die wundervoll gestufte Schlüssel-Skulptur von 1961 zum Beginn der „Kunst des rechten Winkels“; die hoch emporstrebenden dunklen Holzstelen aus den 80er Jahren; schließlich die Muschelkalk-Architektur der „Hommage á Laurens“ (1998) in stillem Dialog mit der Schwester von 2004, Steinbrenners letzter Steinskulptur überhaupt.

Die „Liegende Figur“ (1986/93) steht für Steinbrenners Ansatz der „Rationalität des Blockes“.

Einige Modelle aus Aluminium, Ytong und Bronze von 1968-87 veranschaulichen Steinbrenners Ideenlabor. Einige Meter weiter findet man früheste bildhauerische Werke, „Sitzende“ und „Stehende“ von 1948, im Katalog als „autodidaktisch“ bezeichnet. Welch ein Unsinn. Sie entstammen einer der produktivsten Schaffensphasen des Künstlers nach der „Stunde Null“, als er von 1946 bis 1949 an der Offenbacher Werkkunstschule Werbegrafik studierte und dort auch als Maler, Zeichner und Bildhauer zu sich fand. Dass beide Schlüsselwerke in Offenbach entstanden sind, bedarf in Frankfurt offenbar keiner Erwähnung. Es bleibt in der Ausstellung auch unklar, wie der oft streng logisch denkende Frankfurter Weltkünstler zu seiner klassisch-modernen Formensprache gelangt ist, vor allem zur „biomorphen Phase“, die ihn als „deutschen Henry Moore“ international bekannt machte.

„Hans Steinbrenner – Skulpturen“ bis 28. Juni im Karmeliterkloster Frankfurt. Geöffnet: Montag bis Freitag von 12 bis 17 Uhr.

Aus den 60er Jahren geht es sprunghaft in das, was Steinbrenner sich eigentlich sukzessive, Schicht für Schicht und Kante gegen Kante, erarbeitete: die kubistische Formensprache. Sein Ansatz zur „Rationalität des Blockes“ war mit gesellschaftlicher Botschaft verknüpft: „Ich möchte nicht das Genieprodukt, sondern die anonyme Plastik.“ Doch so sehr er sich bemühte, sein Genie schimmert auch bei scheinbar einfach gefügten kubistischen Steinfiguren durch, immer rhythmisch und souverän Maß gegen Maß setzend.

Natürlich kann man seine Arbeiten rein ästhetisch auf sich wirken lassen, als „Gleichnis der Harmonie“. Doch Steinbrenner meinte dazu: „Jegliche Art der Perfektion ist der Tod aller Kunst.“ Deshalb nahm er 1981 mit Begeisterung am Offenbacher Bildhauerforum teil, das Plätze und Straßen zum Ereignis machte. Folgerichtig unterschlägt das der Katalog. Steinbrenner jedenfalls hat sich südlich des Mains wohl gefühlt, dem Stadtkrankenhaus eine Skulptur vermacht und im Kunstverein frappierend aktuelle Gedanken geäußert: „Vereinzelung ist Vergehen am Ganzen…In einer Welt, in der Quantitäten derartig falsch verteilt sind, dass ein Drittel der Menschheit am Verhungern ist, gibt die Kunst im Versuch der richtigen Verteilung ihrer Kompositionsmassen, in der folgerichtigen Setzung der Teile zum Ganzen ein Beispiel, in welche Richtung sich unsere Welt zu bewegen hat.“

Quelle: op-online.de

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