Kehrseite der Vernunft

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Francisco de Goya, „Flug der Hexen“ (1797/98). Vollansicht

Frankfurt - Die Romantik ist deutsch? Von wegen! Dass es sich um eine grenzüberschreitende Gesinnung handelt, ein „tief reichendes künstlerisches Sediment“, wie Städel-Chef Max Hollein formuliert, zeigt die Präsentation „Schwarze Romantik – Von Goya bis Max Ernst“. Von Carsten Müller

Die Präsentation im Ausstellungshaus am Frankfurter Museumsufer zeigt das anhand von über 200 Werken aus 150 Jahren Kunstgeschichte. Malerei, Grafik, Skulptur, Fotografie und Film, darunter Leihgaben aus Madrid, Paris und Chicago, künden in sieben Kapiteln von einer Geisteshaltung, die bis in das 20. Jahrhundert wirkte.

Die vom Kulturfonds Rhein-Main initiierte Ausstellung wird 2013 als große Frühjahrsschau im Pariser Musée de Orsay zu sehen sein. Beteiligt ist auch das benachbarte Deutsche Filmmuseum, das Material für zwei in die Präsentation integrierte Kinos beisteuerte, wo unter anderem Ausschnitte aus Murnaus „Faust“ und „Nosferatu“, Whales „Frankenstein“ und Buñuels „Der andalusische Hund“ laufen, und im eigenen Haus eine zum Thema passende Filmreihe anbietet.

„Ich fürchte keine Kreatur, außer den Menschen“

Wegweisend: Heinrich Füsslis „Der Nachtmahr“ steht am Beginn des Rundgangs durch das Ausstellungshaus.

Hexen, Geisterwesen und Dämonen bevölkern die Ausstellungsräume. Zeugnisse eines erschütterten Vertrauens in die Werte der Aufklärung, die in Blut ertränkt wurden, aber auch einer Faszination durch das Abgründige, der viele Künstler in unterschiedlichen geografischen Zentren erlagen, wie der nach England ausgewanderte Schweizer Prediger Heinrich Füssli, dessen Gemälde „Der Nachtmahr“ (1790/91) ein Sinnbild für die Schwarze Romantik lieferte, das andere Künstler inspirierte, etwa William Blake und Theodor von Holst. Den Konflikt zwischen zwischen Vernunft und Urgewalt bringt Samuel Colmans „Vor dem Weltuntergang“ (1836-38) in leuchtenden Farben auf den Punkt. Ungerührt stützt sich dort ein Gelehrter auf sein Pult, während um ihn herum ein Inferno tobt.

Prominent vertreten sind Papierarbeiten und Gemälde Francisco de Goyas („Ich fürchte keine Kreatur, außer den Menschen“), die sich dem Tier in uns ebenso drastisch wie doppelbödig nähern – und erstaunliche Bezüge zum eineinhalb Jahrhunderte später gedrehten „Frankenstein“-Film aufweisen. Im Zentrum sein „Flug der Hexen“ (1797/98).

Lessing, Delacroix und Hugo

„Schwarze Romantik – Von Goya bis Max Ernst“ bis 20. Januar 2013 im Frankfurter Städel, Schaumainkai 63. Geöffnet: Dienstag, Freitag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10-21 Uhr

Der dritte Saal zeigt französische und belgische Künstler, darunter die von Shakespeare und Goethe beeinflussten Papierarbeiten und Malereien von Eugene Delacroix sowie düstere Scheinwelten Victor Hugos. Grausiger Blickfang ist das Großformat „Hunger, Wahnsinn und Verbrechen“ (1853) von Antoine Joseph Wiertz. Die plakative und dramatisch ausgeleuchtete Szene einer Kindsmörderin mit im Topf köchelndem Kinderbein kontrastiert mit Caspar David Friedrichs Seestück „Mond hinter den Wolken am Meeresufer“ (1836) zu Beginn des deutschen Kapitels, das von Tod, Trauer und Trübnis kündet. Viel ist von diesem Ur-Romantiker zu sehen, über dessen Arbeiten eine beunruhigende Stille liegt. Aber auch Ferdinand Oehms „Prozession im Nebel“, die mystisch aufgeladenen Nachtstücke Carl Blechens und die Vergänglichkeits-Landschaften Carl Friedrich Lessings beschwören Jenseitiges.

Carlos Schwabe, „Die Welle“ (1907). Vollansicht

Odilon Redons Todesblätter und Gustave Moreaus Femmes Fatales stehen für das Kapitel Symbolismus, das im Obergeschoss mit den Furien aus Carlos Schwabes „Die Welle“ (1907) beginnt. Dort lassen sich James Ensors melancholische Stimmungen erkunden, die düsteren Sphären Arnold Böcklins und Max Klingers, die Welt der Seancen und Vampire des Edvard Munch oder Alfred Kubins rastlose Seelen. Aber auch über ihre Zeit hinausweisende Stücke wie Eugène Laermans „Die Blumen des Bösen“ (1891). Schließlich die alptraumhaften Visionen der Surrealisten Salvador Dali, Max Ernst, Paul Klee und René Magritte oder von Hans Bellmer fotografierte Horrorfantasien. Sehenswert! Nicht nur für Grufties.

Quelle: op-online.de

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