Kein Tanz auf Vulkan

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Als Sally Bowles leistet Franziska Junge mehr, als von einer singenden Schauspielerin zu erwarten ist.

„Life is a cabaret“? In der Inszenierung des Frankfurter Schauspiels im Bockenheimer Depot eher nicht. Das weltberühmte Musical „Cabaret“, mit Liza Minnelli verfilmt, hat schon opulentere Ausstattungen erlebt als diese, die sehr spartanisch ist. Von Astrid Biesemeier

Illusionen sollen in dem Stück um den amerikanischen Schriftsteller Cliff Bradshaw, der sich im Berlin der 30er Jahre, in Zeiten von Wirtschaftskrise und aufsteigendem Nationalsozialismus in die Sängerin Sally verliebt, wohl erst gar nicht aufkommen. Das Publikum sitzt einander auf zwei Tribünen gegenüber, dazwischen zwei Holzstege, die auf eine Holzdrehbühne führen, die alles ist: Kit Kat Club, Pension von Fräulein Schneider, Zug, Straßen.

Das Übertriebene, das Brad ford auf den Straßen Berlins wahrnimmt, ist im Depot nicht spürbar – außer einigen maskenhaft geschminkten Gesichtern, die zumindest an Menschen auf Bildern von Otto Dix oder George Grosz erinnern. Der Club, den man sich vorstellen soll, ist, blickt man auf das eher glamourfreie Personal, ist wohl ein reichlich abgehalfterter. Von der Glut des 20er Jahre Berlins keine Spur. Statt Tanz auf dem Vulkan schon fast eher ein Totentanz.

Möglicherweise wollte Regisseur Michael Simon mit dem Stück, das zeitlich und räumlich genau verortet ist, auf die heutige Wirtschaftskrise verweisen, ohne es explizit zu tun. Doch wirkt die Inszenierung etwas blutleer. Und obwohl man an der schauspielerischen, gesanglichen und musikalischen Leistung nicht mäkeln kann, reiht sich Szene an Szene – manchmal reichlich abrupt.

Weitere Aufführungen bis 18. Oktober.

Schade. Dabei begann es in der Regie von Michael Simon vielversprechend. Die Zugreise Bradshaws nach Deutschland und Bekanntschaft mit dem Nazi Ernst Ludwig (Mathis Reinhardt) im Bühnennebel schön suggestiv. Schräge Töne mischen sich in das Spiel des sechsköpfigen Theatermusikensembles, das den Abend musikalisch gut im Griff hat, und heben das Abgründige hervor. Dass in Sally noch etwas anderes schlummert als ihre zur Schau getragene Oberflächlichkeit, merkt man, wenn Franziska Junge „Maybe This Time“ intoniert, mit einer Qualität, die weit über eine singende Schauspielerin hinausgeht.

Quelle: op-online.de

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