Keramik als Meditation

+
Ästhetischer Brückenschlag zwischen Kunsthandwerk und bildender Kunst: Eine Schalenreihe der Künstlerin Young-Jae Lee vor Aquarellen von Günther Uecker

Die Ausstellung „Formen aus der Erde“ in Bad Homburger Sinclair-Haus überschreitet Grenzen zwischen bildender und angewandter Kunst auf virtuose Weise. Beim Begehen der Räume merkt man: Es ist alles eins. Reinhold Gries

Wie die von der koreanischen Künstlerin Young-Jae Lee geformten Vasen-, Schalen- und Becherinszenierungen mit Foto-, Papierarbeiten und Gemälden kommunizieren, das schafft Intensität, Ruhe und innere Orientierung. Von Richtschnur der Weltkünstlerin von Essens Margarethenhöhe ist die Darstellung des Elementaren. Ihr Credo: „Es ist wichtiger, Qualität zu erhalten, als jeden Tag Innovationen zu schaffen.“ In bewusster Begrenzung findet sie zu unerschöpflicher Vielfalt.

Jedes der von Lee handgefertigten Gefäße, arrangiert im Plenum, im Solo, Duo, Trio oder Quartett, lebt von feinsinniger Variation: Von bestimmten Ur- oder Grundformen ausgehend, wandeln sich die Farbe der Glasur, das Volumen und die Kontur in minimalen Abänderungen der Proportionen. Die auf dem Boden oder auf Sockeln stehenden Schalen und Vasen verbreiten im Neben- und Miteinander eine so eindrucksvolle wie meditative Atmosphäre. Das Spiel von Licht und Schatten, der Rhythmus, die Dialoge der Formen und Farben wirken wohltuend unaufdringlich. Da weiß eine deutsche Töpfermeisterin aus Fernost ganz genau, worum es in der Kunst – und im Leben – geht. Am Wesentlichen wird nicht vorbei fabuliert.

Wie angeschwemmte Steine am Meeresstrand

Die Natur- und Kunsteindrücke sind schlicht, fantasievoll und ergreifend: Schalen öffnen sich wie Lotusblüten zum Licht. Spindelgefäße vereinen zwei zueinander geöffnete Blüten zu neuer Form. Bauchige Vasen reflektieren Blütenkelche ohne Stengel und stehen da für die Ewigkeit. Zylindervasen recken ihre langen Hälse wie Kraniche zum Himmel.

Die Ansammlungen der Bodenschalen wirken wie angeschwemmte Steine oder Muscheln am Meeresstrand, unendlich vielfältig, aber artverwandt. Dabei bleibt jedes Gefäß, auch in der Großgruppe, bei genauem Hinsehen es selbst. Die Fliehkräfte der Töpferscheibe bedingen Gesetzmäßigkeit. Das Irdene ist überzogen von zart schimmernden Glasuren in durchscheinendem, hellen Grün, Beige, Grau und Blau, manchmal gefleckt wie die Rinde eines Baumes oder das Fell eines Tieres.

Dazu werden in gelungenem Kontext im Hintergrund Acker, Felder, Wälder, Wüsten und Gewässer sichtbar. In Erdfarben gemalt von Joan Hernandez Pijuan, bestechend schön fotografiert von Peter Schlör und Ralf Peters. An den Wänden hängen auch Arbeiten bekannter Größen – farbige Radierungen von Per Kirkeby, helle Aquarell-Lichtspektren einer Uruguay-Reise von Günther Uecker, pastell- oder grundfarbige Aquarell-Reflektionen von Bernd Zimmer, duftige Landschaftsaquarelle von Thomas Kohl.

Die in roten Tönen gehaltenen Baselitz-Radierungen „Fluss und Schrift“ schlagen eine weitere Brücke zwischen Keramik und Flächenkunst. Dargestellt sind Hände zwischen Steinen und Flussformationen. Ähnlich sensible Hände haben ja auch die Gefäße geformt. Young-Jae Lee beschert in Bad Homburg ein herausragendes Kunst- und Naturerlebnis.

„Young-Jae Lee – Formen aus der Erde“, bis 15. August im Sinclair-Haus Bad Homburg: Dienstag 14 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Freitag 14 bis 19 Uhr, Sonntag 10 bis 18 Uhr.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare