Kerntugenden sträflich vernachlässigt

Bayreuth - Es wird heftig geschafft. Denn die Biogasanlage auf der von Anbeginn offenen Bühne des Bayreuther Festspielhauses, an deren Flanken Zuschauer Platz genommen haben, muss befeuert werden. Ach ja – „Tannhäuser“ wird auch inszeniert. Von Klaus Ackermann

Von Sebastian Baumgarten, der -– auf vielen Ebenen belehrend – an Brechts epischem Theater offenbar einen Narren gefressen hat und dabei Wagners romantischer Oper so abstruse Wendungen verpasst, dass es einem graut. Das alles auf knappem Bühnenraum und in den Etagen von Joep van Lieshouts machtvollem Fabrik-Konstrukt mit dickbäuchigem „Alkoholator“.

Schon zur Ouvertüre ist allerhand los, deren Kontraste – frommer Pilgerchor und die verführerische Welt der Venus – von Dirigent Thomas Hengelbrock noch ein wenig akademisch-trocken behandelt werden. Hatten zuvor Schriftbänder das Energiezentrum Wartburg erläutert, so zeigt nun ein Hintergrund-Video allerlei Schleimiges, biologische Vorgänge unter dem Mikroskop und vom Röntgenapparat.

Das aus den Tiefen der Anlage heraufbeförderte Reich der Venus ist ein Raubtierkäfig, in dem eine Horde Neandertaler zu kopulieren versucht. Kein Wunder, dass Tannhäuser die Nase voll hat, auch von Venus, die schwanger ist und aus den mütterlichen Gefühlen gegenüber Tannhäuser kein Hehl macht. Stephanie Friede ist zwar eine starke Bühnenerscheinung, trifft freilich kaum einen ihrer emotionsgeladenen Spitzentöne. Fortan wird ihr barbusiges Konterfei als Video – eine Kunst-Arbeit, belehrt die Regie – mit den Zehen wackeln.

Buh-Sturm wegen „Wir denken nach“

Dass „Wir denken nach“, einer der vielen verfremdenden Begleitsätze, einen Buh-Sturm nach sich zieht ist begreiflich. Dennoch gewinnt die Inszenierung an psychologischem Profil, wenn sich der Berliner Regie-Handwerker auf seine Kerntugenden besinnt. Etwa im spannenden Dreiecksverhältnis zwischen Tannhäuser, dem von Michael Nagy (der Bariton war in seiner Frankfurter Zeit Publikumsliebling) exzellent gesungenen Wolfram von Eschenbach (Lied vom Abendstern), der Elisabeth liebt, die wiederum auf Leichtgewicht Heinrich versessen ist. Und wenn Landgraf Hermann (Günther Groissböcks Bass hat Strahlkraft und Wärme gleichermaßen) zum Sängerwettstreit um Elisabeth bittet, ist auch Venus präsent, hält sogar Tannhäusers Hand bei seinem spontanen hohen Lied auf körperliche Liebe, bei dem ihn allein Elisabeth vor dem mörderischen Zorn der Rittergesellschaft rettet.

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„Liebe ist Genuss, jenseits von Gut und Böse“ - wer hätte das gedacht … Es sind vorgebliche Verständnishilfen wie diese, die einem auf die Barrikaden bringen. In einer Biogasanlage, deren Energie zudem in zweifelhafte Pointen fließt. Etwa einem Pilgerchor, der sich als Reinigungs-Truppe entpuppt. Zum rauschhaften Bayreuther Finale gebiert Venus einen kleinen Tannhäuser. Allein das dürfte den Neudeutschen im Grab rotieren lassen.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Gabi Schönemann

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