Wasserfall der Systemkritik

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Reisende durch Geschichte und Gesellschaftsformen: Oliver Kraushaar und Franziska Junge in Rittbergers Inszenierung.

Frankfurt - Regisseur Kevin Rittberger betreibt in seinen Stücken ein Sampling von Texten. Von Sebastian Hansen

Bei seiner neuesten Theaterarbeit, dem Triptychon „Lasst euch nicht umschlingen ihr 150000000!“ beginnt das schon mit dem Titel, einem Zitat aus einem Majakowski-Gedicht zur russischen Revolution.

In der Szenenfolge, die eine Woche nach der Uraufführung bei den koproduzierenden Ruhrfestspielen in Recklinghausen nun ihre Frankfurt-Premiere erlebte, setzt sich Rittberger spielerisch mit anarchistisch-utopischen Gesellschaftsmodellen auseinander. Der Text ist ein Steinbruch von Theorie- und Geschichtsbrocken. Aus der Perspektive unserer westeuropäisch-deutschen Gegenwart geht es ort- und zeitreisengleich in den spanischen Bürgerkrieg, in eine zukunftsferne Gemeinschaft der verwirklichten Utopie und den arabischen Frühling.

Textmengen rauschen an diesem gut zweieinhalbstündigen Abend wasserfallartig durch – ohne dass man sich jemals zugeballert fühlt. Es besteht eine gewisse Verwandtschaft zum Theater von René Pollesch.Rittbergers Ansatz ist zwar ebenfalls ein postdramatischer, sein Verfahren steht dem Erzählerischen aber etwas näher. Komödiantischer Mittel bedienen sich beide.

Im Eingangsbild begibt sich das Team eines von Oliver Kraushaar mit dem Schwung des professionell-abgebrühten Zynikers gespielten Werbefotografen auf eine Exkursion an den Ort, an dem im spanischen Bürgerkrieg das ikonografisierte Foto eines fallenden Anarchisten aufgenommen worden ist, um es für eine Werbekampagne nachzustellen. Die einst ausgefochtene politische Auseinandersetzung scheint vor der aus dem Wohlstand erwachsenen Dekadenz nur noch die Folie für eine konsumistische Vereinnahmung zu sein, derweil sich das Team jedoch im andalusischen Bananenpalmenhain – Bühne: Christoph Ebener – in einer grotesken Weise an der Historie aufreibt.

Nächste Vorstellungen am 26. August sowie 1. und 27. September. Karten: 069/21249494

Im Programmheft ist eine Reihe von seriösen Texten abgedruckt, die eine grundsätzliche praktische Funktionsfähigkeit des anarchistischen Gedankens behaupten. Im auf William Morris zurückgehenden Mittelteil aber karikiert Kevin Rittberger die in der Zukunft angesiedelte Verwirklichungsform einer herrschaftsfreien Gesellschaft, in der das Geld abgeschafft ist und alle Entscheidungen nach dem Konsensprinzip gefällt werden, als Häuflein sektenhaft musizierender Schwärmer in lindbunten wallenden Gewändern – Kostüme: Janina Brinkmann – mit einheitlichen Pagenfrisuren, was als Distanznahme des Regisseurs auszulegen ist.

Mit dem Schlussteil schlägt Rittberger den Bogen vom kurzen Moment der verwirklichten Utopie im Spanien des Jahres 1936 zum arabischen Frühling, anhand von Tagebucheintragungen einer Deutschen in Tunis. Auf einer dem Programmheft beigehefteten DVD wird dokumentarisches Material dazu mitgeliefert.

Der Abend ist kurzweilig. Zwischen Kabarett und Slapstick findet Kevin Rittberger eine unterhaltsame Form der reflektierenden szenischen Betrachtung. Das ist amüsant, es lässt sich genüsslich konsumieren, läppisch ist es nicht. Eine Infragestellung der Verhältnisse, das ist es, was ihn mit den Occupy-Aktivisten von gegenüber verbindet.

Quelle: op-online.de

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